Via Transalpina 2018: Prolog

Kaum zu glauben: Es ist nun schon ein Jahr her, daß wir zu meiner Via Pensionista aufgebrochen sind. Seit einem Jahr ist mein „normales“ Arbeitsleben nun zu Ende. Vermisst habe ich seither nichts.Meine Leidenschaft für die Berge, für das Wandern ist aber geblieben. Und mein großer Traum: den ganzen Alpenbogen abzulaufen. Es mag nun zehn Jahre her sein, daß wir damit angefangen haben. In weiter Ferne schien damals dieses Ziel. Ebenfalls kaum zu glauben: Jetzt ist es zum Greifen nah. Wenn nicht vier Wochen ein Gewitter das andere jagt, dann müßten wir es eigentlich bis Triest schaffen.Am Freitag, 13. Juli 2018 haben wir schon bei der Anfahrt einen Vorgeschmack bekommen – Pustertal, Drei Zinnen, Monte Cristallo: alles einfach herrlich! Das macht so richtig Lust.Zunächst wollen wir es allerdings gemütlich angehen lassen, uns nicht gleich von der Hektik des Finales des Klosterwanderbuchschreibens in die Wander-Action stürzen.Unser Quartier schlagen wir daher in aller Ruhe am Camping Cologna direkt am Lago di Centro Cadore auf. Wir sind nach den Erfahrungen bei der Via Pensionista überrascht, daß dort so wenig los ist. Wir finden ohne Probleme einen schönen Platz, der nette Besitzer erlaubt uns, unseren fantastischen Ford Transit während der nächsten Wochen dort stehen zu lassen zu können, die hauseigene Pizza Cartufola (mit Topinambur) schmeckt fantastisch, wir schlafen gut. Toll, daß wir uns entschieden haben, den Samtag als Ruhetag zu reservieren.

Herrliche alte Brunnen am Wegesrand.

Erstmal wird gemütlich gefrühstückt. Dann muß Arco natürlich eine Strecke gehen. Wir gehen also über die schmale Brücke, hoch ins Dorf, weil wir noch was einkaufen wollen. Und kommen an San Vigilio vorbei. Etwa 300 Jahre alter Kirchturm, moderne Kirche, deren Architektur aber Altes aufnimmt: das eher niedrige Dach und die Steine, aus denen die Bauernhäuser hier im Cadore sind.

Ein beeindruckender Bau: San Vigilio in Calalzo.

Weiter oben in der Bar erfahren wir, daß wir nichts mehr einkaufen können, am Samstag schließen die Geschäfte schon um 12. Stört uns nicht groß, wir wollen jetzt erstmal schwimmen. Durchs Dickicht finden wir dann drunten am Ufer einen Platz nur für uns zwei und erfrischen uns.Die Tretboote, die an uns vorüberzuckeln, machen dann aber doch Lust, und wir wollen uns eins mieten.Das heißt aber, daß wir doch das Auto benutzen und nach Calalzo fahren müssen. Dort klappt auch das Einkaufen, aber zum Tretboot müssen wir noch ein gehöriges Stück tappen. Auf dem Gelände, durch das normalerweise die Straße führt, findet nämlich ein großes Römerfest statt. Dort spielen erwachsene Männer die Armee des Drusus Germanicus, der Hermann, den Cherusker einer Riesenarmee zum Trotz nicht bezwingen konnte.Uns ist jetzt jedenfalls der Lago di Cadore wichtiger.Fabiano, der junge Mann, der in der Nähe des Chalet Lagole die Miet-Tretboote betreut, gibt uns einen guten Tipp: Wir sollen in eine Bucht ganz in der Nähe unseres Campingplatzes hineinfahren, in die sich die Talagona, der wir morgen auf unserer ersten Etappe folgen werden, ergießt.

Die Talagona-Bucht: einfach herrlich.

Und er hat recht: wir sind tatsächlich ganz allein und können uns nur für uns in die herrlich kühlen Fluten stürzen.

Auch die Pizza mit Topinambur in unserer „heimischen“ Pizzeria Cologna auf dem Campingplatz schmeckt wieder ganz hervorragend.Und so freuen wir uns nach diesem herrlichen Eingewöhntag so richtig auf unseren erste Etappe morgen.Erlebt am 14. Juli 2018Fertig geschrieben am 18. Juli 2018

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St. Petersburg 2018 (5): Der verlorene Sohn

In Kursen wie „Kreatives Schreiben“ ist eine der beliebtesten Übungen: Einfach mal drauflosschreiben. Was einem gerade spontan einfällt. Nicht nachdenken! Alsdann, probieren es mal aus:

Es ist der 13. Februar 2018. Wir besuchen die Eremitage. Ich sitze vor Rembrandts Gemälde „Der verlorene Sohn“, das mich schon vor 15 Jahren fasziniert hat. Und schaue mal genau hin.

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Das ganze Bild: Rembrandts „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ (geschaffen 1663 bis 1669)

Fast alles ist dunkel. Nur zwei sind im Licht. Nicht nur der Vater. Sondern auch der Sohn. Der verlorene.

Zwar nicht so stark. Und auch nicht ganz. Aber das müde, abgekämpfte Haupt, das sich gegen des Vaters Bauch drückt, schon. Er fühlt sich geborgen.

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Erschöpft und geborgen: der verlorene Sohn.

Helligkeit umfängt auch seinen Nacken – in alten Zeiten sauste dort das Schwert des Scharfrichters nieder.

Und die segnenden Hände des Vaters auf Schulter und Rücken. Sie ruhen. Alle zehn Finger berühren. Er berührt. Der Sohn ist berührt. Und sicher auch gerührt.

Das Gesicht des Vaters? Auch müde, abgekämpft. Als wollte er sagen: „Ach, Bub! Warum hast Du Dir so lange Zeit gelassen?“ Kein Vorwurf spiegelt sich darin. Nur tiefes Mitleid.

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Das Gesicht des Vaters: auch er ist müde und abgekämpft.

Vielleicht auch Fragen: „Habe ich was falsch gemacht?Was hab ich falsch gemacht? Wie fühlt mein Bub sich jetzt? Hoffentlich nicht erniedrigt. Verzweifelt sicher. Aber das muß doch nicht sein!

Ich hab ihn doch lieb! Ich hatte ihn doch immer lieb – egal, welche Flausen er im Kopf hatte und egal, was er angestellt hatte. Hat er das nie gespürt? Warum? Oder hat er das nie spüren wollen? Warum?

Geld bin ich ihm nicht schuldig geblieben. Aber vielleicht anderes. Was nutzt mir mein prächtiger Armreif, wenn mein Sohn für sich verloren ist? Auf jeden Fall: Mein Mantel im Rot der Liebe umhüllt auch ihn. Er gehört zu mir. So, wie es immer war.

Steh auf, mein Junge! Du mußt nicht vor mir knien! Vor mir doch nicht!

Steh auf und schau mir in die Augen! Dann siehst Du: Du warst vielleicht verloren, ich hab Dich vielleicht verloren – aber das zählt nicht.

Du warst auch geborgen, bist geborgen und wirst immer geborgen sein. Vertrau darauf!

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Nur noch ein halber Schuh…

Du hast nur noch einen halben Schuh. Aber das macht nichts! Du hast wieder Boden unter Dir, festen Boden. Du bist getragen, auch wenn Du ins Wanken gekommen bist. Es geht weiter. Geh weiter! Mit oder ohne Schuhe – egal! Meine Hände sollen Dir keine Last auf den Schultern sein. Sie schenken Dir Wärme. Wärme, die nie vergeht. Denk dran, wenn ich mal nicht mehr da bin!“

***

Wer sind die Leute im Hintergrund? Wer ist die Frau? Ist es die Mutter? Warum ist sie so weit weg? Warum ist sie so im Dunkel, daß sie der Focus der Kamera kaum erfasst, immer wieder verspringt, wenn man sie fotografieren will?

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Wer ist die Frau im Hintergrund?

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Wer ist der Junge? In der Bibel ist der Bruder zornig? Ist es überhaupt der Bruder? Falls ja, scheint er sich mitzufreuen.

Dann wären ja Neid und Eifersucht überwunden, dann könnte ja die Geschichte anders ausgehen als mit Geschwistergroll. So will es ja sich das Gleichnis Jesu. Hat Rembrandt auch dies kurz vor seinem Tod ausdrücken wollen?

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Wer ist der Junge?

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Wer ist der Mann mit dem Hut? Vorhin habe ich im Audio-Guide der Eremitage gehört, dass die Holländer zu Rembrandts Zeit auch daheim in der Wohnung, in der Familie den Hut aufbehalten hätten.

Heißt das: So was kommt in allen Familien vor, selbst in den besten? Hat der Mann deswegen so einen resignierten, eher unbeteiligten Blick?

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Wer ist der Mann mit dem Hut?

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Der stehende Mann rechts trägt auch einen roten Mantel. Er schaut wohlwollend. Symbolisiert er aufrechte und aufrichtige Nächstenliebe, die Anteil nimmt und zugleich weiß, was Verlorensein und Schuld sind und Vergebung sein kann?

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Der Mann mit dem roten Mantel.

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Wo sind wir, wenn wir auf dieses Bild schauen? Und viel wichtiger: Wo und wer sind wir in diesem Bild?

Vielleicht sind wir ja irgendwie alle(s).

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Mein Reiseführer-Tipp: Auf Marcus X. Schmid und den Michael Müller Verlag kann man sich verlassen – auch im Museum.

Sankt Petersburg 2018 (4): Das Fenster zum Westen

Während ich dies schreibe, geht unsere Zeit in Russland schon zu Ende: Wir sind in Pulkovo gut gestartet und werden wohl bald über Estland sein. Gute zwei Stunden braucht unser Airbus 320 der SWISS wohl jetzt noch bis Zürich. Zeit also für einen ersten Rückblick auf die vergangenen neun Tage in Sankt Petersburg, die wie im Fluge vergangen sind. Damit soll es freilich nicht sein bewenden haben, wenn ich wieder daheim bin, will ich auf diesem Blog schon noch weiter schreiben. Es gibt einfach so viel zu erzählen von diesen spannenden Tagen. Zum Beispiel dies:

Es ist kalt an diesem zweiten Abend, als wir an der Station Gostiny Dwor aus der Metro steigen. Der Newski Prospekt, seit eh und je Sankt Petersburgs Prachtstraße, ist hell erleuchtet. Schon ein paar Meter weiter spielt eine junge dreiköpfige Band in der (für uns) bitteren Kälte heiße Rhythmen.

Hit the Road Jack“ — Ray Charles‘ Hit aus dem Jahre 1961 reißt auch heute noch mit, vor allem wenn er mit solch herrlichem Groove wie von diesen jungen Leuten interpretiert wird. Nach ein paar Versen wechselt der Sänger in die russische Sprache, macht einen Rap oder HipHop draus (so stilsicher bin ich nicht, dass ich das bis in die letzte Feinheit blicke). Ich verstehe kein Wort, nur bei „Nawalny“ merke ich auf.

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„Hit the road, Jack“ auf dem Newski-Prospekt

Singt er nun über den im Westen sehr bekannten Oppositionellen? Oder über etwas anderes? Ich glaube eher Ersteres, denn im Online-Lexikon auf meinem iPad  finde ich keine Übersetzung für dieses Wort. Auf jeden Fall geht das Publikum  (überwiegend jung) begeistert mit. Und für mich ist es auch relativ gleichgültig.

Aber schon hier zeigt sich etwas, dass mich meinen ganzen Besuch über begleiten soll: Nicht nur auf dem Newski Prospekt, sondern überall, wo wir hinkommen, ist die Stimmung eine ganz andere als bei meinem letzten Besuch vor 15 Jahren. Damals lag noch die bleierne Schwere der turbulenten Jelzin-Jahre über der Stadt, in denen sich der Turbo-Kapitalismus von seiner übelsten Sorte zeigte.

Ob das mit dem Kapitalismus jetzt groß anders ist, kann ich nicht beurteilen, aber die Atmosphäre hat sich durchaus geändert. Man kann die Leichtigkeit des Petersburger-Seins durchaus spüren, und ich empfinde das sogar irgendwie natürlicher als in so mancher Großstadt im Westen, wo vieles schon so erzwungen wirkt: Man will locker sein, weil man locker sein muss. Egal, wie es einem geht. Dieses Gefühl habe ich hier nie.

Wer gut essen will, findet hier in Petersburg ein reiches Angebot an diversen Küchentraditionen – vom russischen und ukrainischen Essen über Leckeres aus Georgien und Armenien bis hin zu indischen Köstlichkeiten. Und überall, wo wir hingingen, war die Qualität hervorragend. Die Supermärkte sind gut bestückt, es scheint für die, die nicht zu den Armen zählen, alles zu geben.

Nur politisch ist man sehr sehr zurückhaltend. Darüber wollen alle Generationen erkennbar nicht reden. Eine 93-jährige Frau sagt freilich zu mir: „Ich habe viel erlebt. Aber so gut wie jetzt ging es uns noch nie.“

Das sollte uns im Westen zu denken geben. Den Petersburgern von heute geht es wohl so wie den Deutschen und Österreichern im Biedermeier. Man hat genug von Krieg und Turbulenzen, man will überleben und dann erst mal leben. Und in Ruhe gelassen werden. Egal, wer da oben regiert. Spitzweg an der Newa.

Wohlgemerkt: Das fällt mir auf. Ich beurteile das jetzt weder negativ noch positiv. Was mir auch auffällt: Unter den Sanktionen, die die EU und ihre Mitgliedsstaaten gegen Russland verhängt haben, leiden offenkundig nicht die Oligarchen, die weiter ihre Maybachs fahren und sich Brilliantcolliers um den Hals hängen, sondern die Ärmeren und Armen, die im Supermarkt keinen Käse aus der EU mehr finden und deswegen den erleichterten Grenzverkehr nach Finnland nutzen müssen um sich bei einer Tagesreise mit einem kleinen Vorrat einzudecken. „Hamsterfahrten“ hat man das wohl bei uns nach dem Krieg genannt.

Und dann kommt mir in den Sinn: Schon Peter der Große hatte diese Stadt ja als „Fenster zum Westen“ gegründet. Sein Wunsch ist heute noch aktuell und zur Wirklichkeit geworden. Die Russen schauen raus. Offenkundig gerne. Nie haben wir ein böses Wort über die Schrecken des Krieges gehört, sondern stets große Freundlichkeit gespürt.

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Die Feuerschale auf dem alten Leuchtturm zeigte den Seefahrern aus dem Westen früher den Weg an.

Mir wird bewusst: Auch wir sollten dieses Fenster nutzen. Und reinschauen. Und zwar ohne Vorurteile. Sondern unbelastet auf die Menschen und dieses Land blicken.

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Mein Reiseführer-Tipp: Auf Marcus X. Schmid und den Michael Müller Verlag kann man sich verlassen.

Sankt Petersburg 2018 (3): Frühstück

„Was hast Du denn da gegessen?“ — diese Frage zählt zu den beliebtesten, wem man aus einem Urlaub zurückkehrt. Was ja auch verständlich ist, denn Essen und Trinken hält ja Leib und Seele zusammen.

Alsdann, hier ist unsere Antwort: Unser Zimmer im Petro Palace Hotel haben wir ohne Frühstück gebucht. Wir wollen da nicht so gebunden sein und lieber schon am Morgen die Atmosphäre der Stadt schnuppern.

Und es ist ja keineswegs schwierig, Alternativen zu finden. Binnen fünf Gehminuten finden sich jede Menge Alternativen. Bisher haben wir uns auf drei beschränkt, die auch von Marcus X. Schmid in seinem hervorragenden Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag empfohlen wurden.

Am weitesten entfernt (wie gesagt: fünf Minuten) ist das Café Stolle, gleich am Beginn des Newski Prospekt, damals wie heute die Prachtstraße St. Petersburgs. Hier soll der alte Glanz der Zarenmetropole wieder auferstehen, das Interieur lehnt sich sichtlich an den Wiener Kaffeehausstil an, und ich stelle mir vor, dass auch der Name aus der Zeit entlehnt ist, in der deutschstämmige Menschen einen Großteil der Bevölkerung dieser Stadt ausmachten.

Nostalgie auf Russisch: das Café Stolle am Newski Prodpekt (im Vordergrund Elisabetha).

An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos der zaristischen Stadt, und auf der Speisekarte wird denn auch darauf hingewiesen, dass die Rezepte noch aus der vorrevolutionären Zeit stammen (heute wohl ein gutes Verkaufsargument).

Am Sonntagmorgen war das Personal noch nicht gerade in Hochform, die Bestellung ziemlich kompliziert. Am Donnerstag aber ist Elisabetha da, sehr motiviert, sehr freundlich, sehr fröhlich, aber auch sehr frustriert und verzweifelt, als Christines Omelett mit Gemüse so lange auf sich warten läßtl, dass man den Eindruck hat, als müsse erst noch gewartet werden, bis die Henne das nötige Ei gelegt hat. Eher postrevolutionär also, und der Jungens Frau, die eine amerikanische Schule in der Schweiz besucht hat und sehr gut Englisch spricht, ist das sichtlich peinlich. Auf jeden Fall schaut sie nicht mehr wie zuvor freundlich zu uns her, sondern hartnäckig in die andere Richtung, bis sie sogar in der Küche verschwindet und dann freudestrahlend mit dem Objekt der Frühstücksbegierde wieder auftaucht.

Ich bin da schon längst fertig. Ich hatte mich wie schon am Sonntag für die Spezialität des Hauses entschieden: Piroggi. Einmal in der süßen Variante (mit Johannisbeeren), einmal deftig (mit Kraut und Ei) drin. Beides schmeckt prima. Auch die Kohlsuppe, die beim zweiten Besuch die Süße des Kaffeehauslebens ersetzt, ist durchaus wohlschmeckend. Mit Tee und Kaffee kostet das übrigens alles zusammen knappe 12 Euro.

Gut Ding will Weile haben: das Gemüse-Omelett im Café Stolle.

Eine Preisklasse drüber liegt das Gosti, das unserem Hotel am nächsten liegt (ebenfalls in der kleinen Meerstraße Straße/Malaya Morskaya). In der Vitrine ist unübersehbar, dass hier begeisterte Konditoren am Werk sind. Die meisten Russen greifen denn auch zu Kuchen, Torten, süßen Stückle — auch das sieht alles super-lecker aus. Christine entscheidet sich für Kascha (englisch: Porridge), also Haferbrei mit Preiselbeer-Marmelade. Ich lasse mir Blini (Schwäbisch: Flädle), gefüllt mit Schinken und Käse, munden. Und weil´s Valentinstag ist, kredenzt das Haus als Geschenk zwei liebevoll dekorierte Zuckerherzen. Preis (inklusive großer Kanne Tee plus zwei Kaffee): rund 20 Euro. Wobei die Einrichtung aber wirklich außergewöhnlich schön und geschmackvoll ist und sich vom Durchschnitt weit abhebt).

Christine schmeckt das Kascha (Porridge/Haferbrei) im Gosti prima.

Zum Valentinstag gab´s im Gosti ein Zuckerherz.

In der Mitte der beiden liegt das Busche (auch hier vermute ich einem deutschen „Urvater“). Hier herrscht das pulsierendste Leben, subjektiv gibt es hier auch den größten Anteil an Russen (wobei ich mich bei den etwas älteren Frage, welcher Arbeit die denn nachgehen, wenn sie wie wir um 10 noch beim Frühst der sitzen können; manche telefonieren nebenher oder tippen ins iPad, es könnten also Geschäftsleute sein).

Hier wird erstmal nicht serviert, man muß zur Bestellung an die Theke. Christines Milchreis und mein Omelett mit Kirschtomaten und Spinat (dafür, dass ich eigentlich gar kein Omelett mag, wirklich gut) werden dann aber (anders als die Getränke) an den Tisch gebracht. Da das Busche über den ganzen Tag hinweg sehr gut besucht ist, ist es auch ideal für Zeitgenossen, die gern anderes Menschen beobachten.

Herausragend ist auch das Brotangebot — zu sowjetischen Zeiten wäre diese Vielfalt undenkbar gewesen. Und auch mir läuft, wenn ich an der stets von Einheimischen, die sich etwas mit nach Hause nehmen wollen, reich bevölkerten Verkaufstheke vorbei gehe, immer das Wasser im Munde zusammen. Das Preis-Niveau entspricht in etwa dem von Stolle: rund 12 Euro.

Die Verkaufstheke im Busche ist reich bestückt und stets umlagert.

Alle drei Alternativen in unserer Umgebung verdienen sch also recht gute Noten. Für passionierte Kaffeehausgänger muß indes etwas Wasser in den Wein (respektive den Kaffee) gegossen werden: Einen richtig guten Morgentrunk dieser Art hab ich bislang vergebens gesucht. Vom Kaffeehaus-Hocker hat mich keiner gerissen.

Mein Reiseführer-Tipp

Sankt Petersburg 2018 (2): Die Petrikirche

Sonntagmorgen. Der erste komplette Tag in St. Petersburg. Wir wollen ihn mit einem Besuch in der evangelischen Petrikirche beginnen. Vor dem Bau, der 1833 nach den Plänen von Alexander Brüllow (sein Bruder malte dann das wunderschöne Altarbild) begonnen und 1838 vollendet wurde, trägt der Apostel Paulus eine Mütze aus Schnee. Und wir wundern uns, dass wir keineswegs die einzigen sind, die kurz nach 10 Uhr dieses Ziel haben.

Wie wir später von Küster Klaus Dombrowski (im Zivilberuf Betreuer der Obi-Märkte im Norden und Osten Russlands) erfahren, zählt die St. Annen- und St. Petri-Gemeinde 120 Seelen. Einst waren es 21 000, und das Gotteshaus fasste 3000 Menschen. Noch heute ist sie die größte lutherische Kirche in ganz Rußland.

Alles ist relativ. Wenn man die alten Menschen abzieht, die wohl wegen der vereisten Gehwege mit massiver Rutschgefahr (auch wir müssen immer wieder damit kämpfen) zuhause geblieben sind, dann ist fast die ganze Gemeinde versammelt, um den Gottesdienst mit der Taufe des kleinen Maximilian zu feiern. Von einer solchen Quote könnte man daheim in Nürtingen und wohl in der ganzen evangelischen Kirche in Deutschland nur träumen.

Klaus Dombrowski ist nicht nur Küster. Sondern auch Glöckner. Zwar nicht von Notre Dame. Aber immerhin von St. Petri. Auch in einer (einstigen) Hauptstadt. Und das heißt: Er kann nicht wie daheim in Deutschland einfach einen Knopf drücken, er muß schon mit der Hand ran. Beziehungsweise mit beiden Händen. Fünf Minuten lang.

Schon morgens im Hotel hat uns das langsame, fast meditative Läuten der Isaaks-Kathedrale beeindruckt. Ähnlich meditativ schreitet nun Michael Schwarzkopf, der Pastor, gemessenen Schrittes zum Altar unter dem herrlichen Bild von Karl Brüllow und eröffnet den Gottesdienst. Wie soll denn das werden?, frage ich mich: Die meisten hier im Raum sind Russen oder verstehen und sprechen Russisch, ich kann mir vielleicht eine Suppe bestellen…

Pastor Michael Schwarzkopf vor Karl Brüllows Altarbild.

Es geht erstaunlich gut. Der Gottesdienst ist zweisprachig, sowohl Liturgie als auch Predigt. Die Gebete und das Schuldbekenntnis spricht jeder in der eigenen Sprache, und (allerdings nur ein bißchen) problematisch wird es eigentlich nur, wenn gesungen wird. Die Lieder sind aus dem niedersächsischen und bremischen Gesangbuch und nur auf Deutsch. Aber das ist nicht weiter schlimm. Auch in Nürtingen singen ja nicht alle beziehungsweise viele eher im Flüsterton.

Während der Lesung denke ich mir: Vielleicht klingen dieselben Worte in einer anderen Stadt in einer anderen Situation ganz anders. Besser gesagt. Sie wirken anders. Die Petersburger haben unter der deutschen Blockade unsäglich gelitten, die Russlanddeutschen haben unter Stalins Deportationen unsäglich gelitten, und viele in der Stadt und in der Gemeinde geht es auch heute wahrlich nicht gut.

Und dann sagt Paulus: „Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich…Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal…Segnet, die Euch verfolgen; segnet und fluchet nicht…Freut Euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden … Habt einerlei Sinn untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet Euch herunter zu den Niedrigen…Vergeltet niemand Böses mit Bösem…Habt mit allen Menschen Frieden…So nun Dein Feind hungert, so speise ihn…Laß Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Ich denke unweigerlich an die Vergangenheit unserer Länder und Völker im vergangenen Jahrhundert und gestehe: Diese Sätze gehen mir regelrecht unter die Haut.

Auch die Predigt ist sehr eindrucksvoll. Es geht ums Beten, und Michael Schwarzkopf erinnert daran, dass nicht alles in Erfüllung gehe, worum man man im Gebet bitte. Zum Beispiel während der Deportationen und Vertreibungen. Für ihn ist wie für Martin Luther der entscheidende Satz: „Herr, lehre uns beten!“ Sinngemäß aus der Erinnerung zitiert: Wann man Gott sein Herz öffne, erkenne man auch das, was einen im Innersten bewege, in Leid und Freud. Und in allem sei Gott bei einem.

Der Gottesdienst ist vorüber. Wir gehen noch auf die Empore, stehen vor der schönen neuen Orgel und ich entdecke einen weiteren Grund zur Freude: Sie wurde von der evangelischen Kirchengemeinde Unterlenningen mitfinanziert. Ein unverhoffter Gruß aus der Heimat.

Nach dem Kirchencafe (beziehungsweise Kaffee und Tee in der Kirche) führt uns Klaus Dombrowski noch in die Katakomben — und damit in und durch die wechselvolle Geschichte dieses Bauwerks und dieser Gemeinde. 1937 war es von den Kommunisten beschlagnahmt worden. Ein Vierteljahrhundert später kamen die auf die Idee, ein Schwimmbad daraus zu machen. Wo zuvor der Altar stand, ragte nun ein Sprungturm in die Höhe, die Empören wurden zu Zuschauertribünen.

Im Untergeschoss kleben heute noch die Kacheln des wettkampftauglichen 25-Meter-Beckens, und da es unfinanzierbar war, die Kirche komplett wieder in den Originalzustand zu versetzen, wurde eine Zwischendecke eingezogen. Und dadurch hat man hier drunten heute tatsächlich ein Gefühl wie im Urchristentum. Es finden ja tatsächlich auch Gottesdienste hier statt.

Auch von den Wänden kann man den Blick kaum lassen: Adam Schmidt, der im Beruf Stalinbilder für Büroräume in Massen gemalt hatte (das war für die Auftraggeber günstiger als Fotos) schildert hier den Leidensweg vieler Russlanddeutscher am Beispiel seiner Familie – von der Verhaftung und Zerstörung der Kirchen über den Transport in Güterwaggons bis zum Straflager in Workuta und der Zwangsarbeit in den sibirischen Wäldern sowie den heimlichen Gottesdiensten im Untergrund.

Adam Schmidts Erinnerung an die Verhaftung seiner Familie.

Der Transport im Güterwaggon nach Sibirien.

Zwangsarbeit beim Straflager in Workuta.

Die Wandgemälde des Amerikaners Matt Lamb wiederum stehen unter dem Motto „Glaube, Liebe, Hoffnung“: Nachdem er vom Arzt die niederschmetternde Diagnose erhalten hatte, er habe nur noch kurze Frist zu leben, hatte der den Entschluss gefasst, ungewöhnliche Orte auf der Welt mit Variationen zu diesem Motiv zu bemalen. In Russland wähle er die Katakomben von St. Petri aus. Als er dann von seiner Reise rund um den Globus zurück nach Hause kam, erhielt er die Nachricht: Sorry, wir haben uns bei der Diagnose getäuscht.

Matt Lambsdorff Altarkreuz in den Katakomben der Petrikirche.

Glaube. Liebe. Hoffnung. Manchmal hilft es eben doch. Auch wenn man nicht (mehr) damit rechnet.

Mein Reiseführer-Tipp.

Sankt Petersburg 2018 (1): Der erste Tag

15 Jahre sind es nun schon her, seit ich das letzte Mal in St. Petersburg war. Fast ein Dutzend Jahre, als ich mit Frieder Alberth zuletzt Aids-Projekte in der Ukraine besuchte. Das fällt mir auf, als ich im Januar 2018 unsere Visa für Russland beantrage. Eine lange Zeit also, die ich nicht mehr in diesem von mir geliebten Teil Osteuropas war.

Aber das soll sich ja jetzt ändern. Voller Vorfreude machen Wirkung auf den Weg, sind schon gespannt, was uns erwartet. Und der exzellente (von Marcus X. Schmid verfasste) Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag macht uns so richtig Lust auf die Stadt an der Newa.

Die erste Reise dorthin habe ich ja mit dem Zug gemacht. Vor 20 Jahren hatte ich noch Flugangst. Heute brauche ich aber keine zwei Tage mehr dorthin. Ich steige nun (wenn auch nicht gerade euphorisch) in Stuttgart in die Swiss-Maschine, und nach einem dreistündigen Zwischenstopp in Zürich sind wir in abermals drei Stunden in Russland. Als wir in Pulkovo aus der Maschine steigen, denke ich: „Das war einer meiner schönsten Flüge.“ Es kann sich also auch etwas zum Guten verändern im Leben.

Da macht es auch nichts aus, dass die Dame an der Passkontrolle das alte grimmige Gesicht der Sowjetunion zeigt. Heute kann man über das lächeln, was einen damals ärgerte. Auch das ist eine Wende zum Guten.

Zudem: Der Taxifahrer(übrigens ein Inder, der von der Freundlichkeit der Russen schwärmt), den wir über Lingo Taxi bestellt haben, erwartet uns schon. Und bringt uns zu einem fairen Preis (etwa 22 Euro) zu unserem Domizil, dem Petro Palace Hotel. Auch hier werden wir herzlich empfangen, und von unserem geräumigen Zimmer im siebten Stock blicken wir auf die schneebedeckten Nachbarhäuser.

Der Blick aus unserem Fenster im Petro Palace Hotel

Wir sind nach der kurzen Nacht (um 2.45 Uhr Aufstehen) hundemüde, aber hinlegen? Das geht dann doch nicht!

Also erst mal raus, die Atmosphäre an diesem eher grauen Tag schnuppern! Hinein ins pulsierenden Leben – wir wohnen im Herzen der Stadt. Einfach toll!

Allerdings hab ich mich verschätzt: Nach meiner Erinnerung gab es an allen Ecken und Enden Wechselstuben – aber denkste!

Doch die vergebliche Suche führt uns ja auch an herrlichen Ecken vorbei. Das Jugendstil-Gebäude an der Roten Brücke über die (zugefrorene) Mojka ist renoviert und ein nobles Kaufhaus (Au Pont Rouge) mit Café im Erdgeschoss. Und da darf natürlich der russische Bär und die Matroschkas, die immer eine neue (russische) Mutti aus ihrem Bauch zaubern, nicht fehlen.

Bezaubernder Jugendstil: Au Pont Rouge

Unsere erste Begegnung mit Mischa, dem russischen Bären, und den Matroschkas

Aber nachdem wir uns mangels Rubel nicht einmal einen Kaffee leisten können, marschieren wir dann doch ins Hotel Renaissance in der Nähe der Isaaks-Kathedrale und bekommen einen aus meiner Sicht fairen Kurs (68,9 Rubel für einen Euro statt der 55,1, denen ich mich am Airport dann doch verweigert habe).

Mittlerweile ist es schon nach 18 Uhr (zwei Stunden später als daheim), und da wollen wir dann doch endlich was essen. Der Magen knurrt halt. In der Nähe ist ein Lokal mit dem typisch russischen Namen Paparazzi. Passt ja auch für einen Journalisten. Nach der Beschreibung im Reiseführer hätte ich gedacht, dass die Kellerbude brechend voll ist. Aber wir sind am frühen Samstagabend die einzigen Gäste.

Doch in seinem Urteil hat Marcus Schmid recht. Christine isst Soljanka, ich Pilzsuppe, später Blini (Christine mit Lachs, ich ökologisch unkorrekt mit Kaviar) – alles prima. Und wenn wir schon mal beim Inkorrekten sind – ich trinke Weißwein von der Krim…

Christine ist begeistert von der Soljanka – und ich von meiner Pilzsuppe

Meine (politisch-ökologisch inkorrekten) Blini mit Kaviar.

Was mich auch tief im Herzen freut: Ich spreche so gut wie kein Russisch, die junge Kellnerin so gut wie kein Englisch und rein gar kein Deutsch. Und dennoch kommt eine Konversation zustande, zum Teil zwar mit Händen und Füßen, aber wir verstehen uns doch prima. Sie freut sich, wenn ich ein paar rudimentäre Worte auf Russisch zu ihr sage, auch wenn meine grammatikalische und aussprachetechnische Fehlerquote gewiss im höchsten zweistelligen Prozentbereich liegt. Ich freue mich, wenn sie mir den riesigen Lachs aus Rußland (ihre Hände gehen so weit auseinander, dass man meint, sie beherrscht perfekt das Anglerlatein), den köstlichen Wein von der Krim und das gesunde Mineralwasser aus Georgien in höchsten Tönen anpreist.

Mir schießt durch den Kopf: Auch Russland gehört zu Europa. Zumindest Sankt Petersburg…

Und ich bin dankbar für diesen Tag.

Erlebt am 10. Februar 2018

Geschrieben am 11. Februar 2018

Mein Reiseführer-Tipp

Via Pensionista (18): Rifugio Cauriol – Bivacco Paolo e Nicola

Optimal war die Nacht im Rifugio Cauriol nicht. Mit dem einfachen Massenlager und dem Wendeltreppensteigen im Dunkeln komme ich auf meiner Via Pensionista eben doch nicht so zurecht, Zudem verheißt der Wetterbericht nichts Gutes: Spätestens um 15 Uhr soll es regnen, und wie immer auf der Translagorai, für den uns Bergführer Alessandro Beber tolle Tipps gegeben hat, haben wir eine lange Etappe vor uns. Wir müssen uns also sputen. Früh raus.

Der Wirt vom Rifugio Cauriol lehnt es zunächst ab, uns schon um 7 Uhr ein Frühstück zu servieren. Kann ich irgendwie auch verstehen. Sein Lokal ist so beliebt, daß auch Gäste vom Tal zum Abendessen hochfahren. Und die haben nun mal mehr Sitzfleisch als Wanderer, die am nächsten Morgen früh weg müssen.

Die zwei jungen Damen, die das Nachtlager mit uns geteilt haben, haben allerdings die glänzende Idee, bei der Nachbaralm, der Malga Sadole, anzufragen, ob da nicht was mit einem Frühstück drin wäre. Und in der Tat: Das klappt. Und der eigene Käse schmeckt  zum Milchkaffee auch ganz prima.  Kein Zweifel: Kulinarisch ist das ein ganz hervorragendes Plätzchen hier.

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Ein toller Platz (nicht nur fürs Frühstück): die Malga Sadole.

Wir müssen der Versuchung widerstehen, in aller Gemütlichkeit erst einmal sitzen zu bleiben (wobei Christine wie immer um diese Uhrzeit viel willensstärker ist als ich). Aber es hilft nichts: Wir müssen auf die Piste. Auch wenn sie (mal wieder) nicht meinen Lieblingsprofil entspricht: Es geht erst einmal hinein in eine enorme Steigung. Die jungen Leute, die nur kurz vor uns gingen (jetzt mit männlicher Verstärkung), rücken immer mehr aus unserem Blickfeld, bald sind sie entschwunden.

Dafür begegnen uns zwei Weidmänner. Offensichtlich eine Tirol-italienische Jagdgemeinschaft (es freut mich, daß das nach all dem sinnlosen Töten hier an der Alpenfront wieder möglich ist). „Wir gehen auf die Gams“, erzählen Sie uns und blicken wie wir prüfend zu den  schwarzen Wolken nach oben. Als wir sagen, wohin wir wollen, bekommt der eine einen Gesichtsausdruck, der nicht unbedingt Zuversicht in mir auslöst: „Zum Biwak? Das ist noch sehr weit!“

Und dennoch sammeln wir tapfer Höhenmeter um Höhenmeter. Die 620 bis zu unserer ersten Scharte, der Forcella di Canzenagol auf 2220 Meter schaffen wir bemerkenswert leicht, das Wetter sieht auch gar nicht slo mies aus, und so nehmen wir uns auch Zeit für ein Selfie in dieser herrlichen Natur.

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Beim Selfie war das Wetter noch schön.

Eine halbe Stunde später treffen wir jedoch eine Fehlentscheidung: Wir bldeiben nicht auf dem unteren Weg 439B, sondern nehmen den auf der Karte kürzeren. 439. Ohne B. Und der führt nicht nur am Lago Brutto vorbei, sondern ist auch brutto (der italienische Ausdruck für „schlimm“). Der See selbst ist sehr idyllisch, aber das kann ich kaum genießen, da direkt dahinter ein fast senkrechter Aufstieg wartet.

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Vom Lago Brutto geht es brutto (schlimm) hinauf.

Da geht es nicht etwa in den von mir so sehr geliebten Serpentinen bergauf – sondern fast durchweg in der Direttissima. Ich komme gewaltig ins Schnaufen, zumal ich ja immer die Wettervorhersage im Hinterkopf habe. Und die Uhr tickt.

Oben auf der Moregna-Scharte wird dann der Frust noch größer, weil uns bewußt wird, daß der Kampf auf fast 2400 Meter im Grunde für die Katz war: Denn danach müssen wir von der Forcella di Morgen wieder 160 Höhenmeter hinunter, um auf denselben B-Weg zu treffen, auf dem wir schon mal waren. Für alle, die planen, ebenfalls die Translagorai zu gehen, daher der Tipp: Wenn man nicht unbedingt Höhenmeter sammeln möchte – besser unten bleiben, der Weg ist weit genug.

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Hier wird dann aber das Wetter zunehmend mieser. Zu den Wolken gesellt sich ein kalter Wind, der Unheil ankündigt. Und nun wandre – besser: haste – ich voran. Nach den Erfahrungen der ersten Translagorai-Etappe habe ich keinen Bock, schon wieder triefend naß in einem Notquartier anzukommen.

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Nach der Moregna-Scharte wird das Wetter immer mieser.

Und tatsächlich: Während der letzten Steigung zum Bivacco Paolo e Nicola auf 2180 Metern an der Valmaggiore-Scharte winkt mir eine der jungen Damen fröhlich von der Hüttentür aus zu. Wir haben es geschafft! Rechtzeitig!

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Ein erstaunlich gemütliches Quartier: das Bivacco Paolo e Nicola.

Als wir durch die Tür gehen, sind wir baff erstaunt: Kein Vergleich zu unserem ersten Biwak kurz vor dem Manghen-Pass! Alles sauber. Die Ausstattung ist top. Es gibt sogar Essensvorräte (die wir nicht  in Anspruch nehmen, sondern unseren eigenen Käse-Vorrat, den wir auf der Sadole-Alm mitgenommen haben, gleich vervespern). Es gibt genügend Holz zum Heizen. Auch wenn Decken fehlen: Unsere Schlafsäcke tun  es auch. Und so erleben wir das am Abend hereinbrechende Gewitter in wohliger Wärme und Gelassenheit.

Gegangen am 19. August 2017

Geschrieben am 10. September 2017

Start: 7.45 Uhr

Ziel: 15 Uhr

Höhenunterschied: 1160 Meter auf, 400 Meter ab

Übernachtung: Bivacco Paolo e Nicola; Notunterkunft, aber gemütlich und gut ausgestattet; keine Decken; Frischwasserquelle etwa fünf Minuten entfernt.

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Informationen über das Wandern in den Lagorai unter www.visitvalsugana.it

Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de