Der Allgäuer Jakobsweg – Etappe 1

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Endlich mal wieder sich selbst fordern, endlich mal wieder raus. Es grünt so grün, und die Fernwandersaison 2013 kann endlich beginnen. Am 13. Mai. Wir haben drei Tage Zeit, und der ursprünglich ausersehene Maximiliansweg von Füssen Richtung Osten liegt zu hoch. Schnee versperrt uns noch den Weg.

Also umdisponieren, die Liste der Allgäuer Fernwanderwege anschauen, gucken, was gerade wohl geht und strategisch günstig liegt.

Ach da: Am Bahnhof Bad Grönenbach startet ein Teilstück des bayerisch-schwäbischen (beziehungsweise Allgäuer) Jakobsweges. Von zehn Jahren war ich da zur Kur, kenne also das Terrain, weiß, daß das jetzt kein großes Problem sein dürfte.

Doch als wir vom Bahnhof Richtung Dorf gehen, ereilt uns schon ein typisches Pilgergefühl. Es regnet, ist bitter kalt. Ein schneidender Wind bläst uns ins Gesicht. Und unweigerlich brodelt eine Frage in mir: „Warum um Himmels Willen bin ich nicht zuhause auf dem Sofa geblieben?“

Da muss man durch. Und da kommt man auch durch. Auch weil es am Marktplatz in Grönenbach die Bäckerei Wieser gibt. Also erst mal da Schutz gesucht, zwei Kaffee getrunken, Butterbrezeln verdrückt. Das gibt neue Energie, und so gehen wir frisch motiviert die Steigung zum Hohen Schloss, das immer noch einer vernünftigen Nutzung harrt, hinauf.

Vorbei am „Gesundheitshotel Am Schloßberg“, wie das frühere Sanatorium Dr. Krautheim heute heißt, in dem ich dereinst einige Wochen meines Lebens verbrachte. Eine schöne Zeit, aber die goldenen Jahre sind wohl vorbei.

Arco ist skeptisch gegenüber Vater Kneipp: von Wasser hält er halt nicht viel.
Arco ist skeptisch gegenüber Vater Kneipp: von Wasser hält er halt nicht viel.

Oben am Kräutergaerten neben dem Schloss steht eine Statue von Vater Kneipp, die auch schon bessere Tage gesehen zu haben scheint. Die Schrift zu den „fünf Säulen“ der Therapie des Wasserdoktors (Ernährung, Bewegung, Ordnung, Pflanzen, Wasser) verblasst immer mehr, und Arco, unserem Hund, kommt der Herr in der merkwürdigen schwarzen Soutane offenkundig rechtschaffen merkwürdig vor. Er kläfft ihn auf jeden Fall kräftig an.

Aber jetzt endlich können wir die bebauten Gefilde verlassen, kämpfen uns weiter die Endmoräne hoch, die aus Steinen der Lechtaler Alpen besteht, die in der Eiszeit vom dortigen Gletscher hierher geschoben wurde. Hauptsächlich Fichten säumen unseren Weg, dazu herrliche Heidelbeer-Felder, aber leider ist es noch viel zu früh, um in meinen Lieblingsbeeren zu baden.

Christine kriegt Lust auf Yoga, macht Kopfstände, ich balanciere auf noch nassen Fichtenstämmen, die hier zur Abholung bereit liegen. Manchmal im Leben ist man eben auf dem Holzweg.

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Und manchmal hat man einen Durchhänger. Das kommt mir in den Sinn, als wir über Herbisried und Sommerberg zur Hängebrücke bei Pfosen an der Illerschleife kommen. Ein Neubau, denn der Fährmann, dem man  bis etwa vor einem Dutzend Jahren hier noch ein „Hol über!“ zurufen konnte, hat seinen Dienst eingestellt. Die Metallbrücke wurde in einer Aktion des bürgerschaftlichen Engagements errichtet, sie bringt einen sicher ans andere Ufer und ist beileibe nicht so furchteinflößend wie das Ungetüm im Zuge des Lechwanderwegs bei Holzgau, vor dem sogar mein berühmter Kollege Manuel Andrack kapitulieren musste.

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Die Landschaft wird immer schöner, und als wir auf der anderen Seite des „Iller-Canyons“ wieder nach oben steigen, begleitet uns herrliches Vogelgezwitscher. Droben genießen wir den Blick auf die Landzunge, die von der Iller umspült wird, und freuen uns an den über 20 Störchen, die das Feuchtgebiet hier offenkundig schätzen wissen. Vermutlich ist die Tafel da reichlich mit Froschschenkeln gedeckt.

Ob die auch auf der einstigen Burg Kalden aufgetischt wurden? Wer weiß! Die alten Rittersleut haben ja allerlewi verwegene Dinge verweist – inclusive Schwanenbraten, den heute wohl keiner mehr anrühren würde. Große Zeiten hat das Gemäuer erlebt, das dereinst den Herren von Pappenheim, den Erbmarschällen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, gehörte. Aber die sind längst vorbei. Gerade noch die Reste des Turms erzählen davon.

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Apropos Rittersleut. Die kommen demnächst auch in Altusried (wo wir im Gasthof zur Sonne eine herrliche Brätknödelsuppe als verspätetes Mittagsmahl zu uns nehmen) wieder groß raus: Auf der Allgäuer Freilichtbühne (www.freilichtbuehne-altusried.de) wird vom 14. Juni bis 18. August „Don Quichote“ gespielt. Wie ein Ritter von der traurigen Gestalt komme ich mir auch manchmal vor. Vielleicht sollte ich mir das ja mal anschauen und überprüfen, ob es wirklich Parallelen (und wenn ja, welche) gibt.

Jetzt aber fällt mir erst einmal eine kleine Kapelle am Wegesrand auf. Sie steht schief. Wenn auch nicht ganz so wie der berühmte Turm von Pisa. Aber sie erinnert mich dennoch dran, dass im Leben zuweilen manches in Schieflage gerät. Und es dann gut tut, wenn einen jemand stützt.

Manches im Leben gerät eben in Schieflage: wie gut, wenn eimnen da jemand stützt!
Manches im Leben gerät eben in Schieflage: wie gut, wenn einen da jemand stützt!

Genügend Stoff zum Philosophieren also, während wir uns durch eine Landschaft, die mich an das Appenzell werinnert, hoch in Richtung Wiggensbach, das wir uns als Tagesziel auserkoren haben, kämpfen. Die Schritte werden schwerer, und wir machen zum ersten Mal eine Erfahrung, die uns die nächsten Tage nicht mehr verlassen wird: die Strecke ist erstklassig markiert, man braucht im Grunde keine Karte (auch wenn es natürlich nie dumm ist, eine dabei zu haben) – aber die Wanderzeiten, die auf den Tafeln stehen, sind absolut illussorisch. Zumal, wenn man mit Rucksack unterwegs ist. Also in der eigenen Rechnung immer eine „Sicherheitsreserve“ draufpacken!

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Aber gegen 19 Uhr stehen wir dann doch auf dem Marktplatz von Wiggensbach mit seinem lustigen Brunnen, der von einer „Gerüchte-Krämerin“ und ihren Kunden erzählt. Eigentlich ein tolles Motiv für einen Journalisten.

Und in der Abendsonne, die mich wärmt, denke ich: „Wie gut, dass ich doch nicht auf dem Sofa liegen geblieben bin!“

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