Der Allgäuer Jakobsweg – Etappe 2

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Ganz schön anstrengend war der erste Tag unserer Wanderung auf dem Allgäuer Jakobsweg. Kein Wunder, so viel Fernwanderwege haben wir ja 2013 noch nicht absolviert. Und es waren gestern doch gut 25 Kilometer. Aber da die Sonne lacht, sind wir nach dem Frühstück gut motiviert – und schon gespannt darauf, wie weit wir heute kommen.

Kneippen in der Ortsmitte von Ermengerst
Kneippen in der Ortsmitte von Ermengerst

Die ersten drei Kilometer sind allerdings nicht sonderlich attraktiv. Es geht im Grunde ständig auf einem Radweg der Straße entlang. Doch in Ermengerst ändert sich das. Hier vereinigt sich der Augsburger mit dem Münchener Jakobsweg, und nachdem Christine in den kleinen Bächlein die Freuden des Kneippens ausprobiert hat, geht es bei strahlendem Sonnenschein (so was gibt es also auch noch in diesem Frühling!) auf der ehemaligen Bahntrasse Richtung Buchenberg.

Das Isny-Bähnle ist da früher gefahren, ganze 75 Jahre lang. Als die Strecke 1909 eröffnet wurde, verband sie über etwas mehr als 37 Kilometer die Königreiche Bayern und Württemberg miteinander, war also fast so etwas wie eine „internationale Route“. Wer sich heute ein Streckennetz der Deutschen Bahn betrachtet, der kann da immer noch die Grenzen aus dem Kaiserreich erahnen. Zum Nachbarn wollte man da eher selten, eher nur, wenn es unbedingt sein musste. Und so kann man auch jetzt noch erahnen, dass eine Verbindung zwischen Kempten und Isny wohl was ganz besonderes war. Aber immerhin leben ja hie wie dort Allgäuer und beide nennen sich Schwaben. Und sind es ja auch, wie dr Dialekt zeigt.

Wo früher das Isny-Bähnle fuhr, kann Christine sogar barfuß gehen (ich allerdings nicht)
Wo früher das Isny-Bähnle fuhr, kann Christine sogar barfuß gehen (ich allerdings nicht)

Wandern (oder Radeln) auf einer aufgelassenen Bahnstrecke, das heißt aber auch: Es geht eher gemütlich zu. Noch heute bewundere ich die Ingenieure der Pionierzeit der Bahn, die es schafften, Höhenunterschiede mit geringstmöglichem Kraftaufwand zu überwinden. Das kommt auch uns heute noch zugute.

Und so sind wir relativ schnell in Buchenberg, nachdem wir am höchsten Punkt der Bahntrasse eine Kleinigkeit gegessen und ausgeruht haben. Hier noch schnell einen Kaffee und eine Brezel in der Bäckerei in der Ortsmitte gegessen, dann geht es vorbei am terrassenförmig angelegten Friedhof (hier soll wohl jeder – ob lebend oder tot – noch den herrlichen Blick auf die Kette der Allgäuer Alpen genießen können ,-) ) wieder aus dem Dorf hinaus und dann nach einer von Löwenzahnblüten übersäten Wiese (ich lege mich hinein und komme mir vor wie inmitten von tausend Sonnen) hinein in den Wirlinger Wald.

Wiese bei Buchenberg: Mann und Hund umgeben von tausend Sonnen.
Wiese bei Buchenberg: Mann und Hund umgeben von tausend Sonnen.

„Schon wieder so ein geologischer Pfad“, stöhne ich auf. In der Schule hat es mich unendlich genervt, die verschiedenen Erdschichten der Schwäbischen Alb pauken zu müssen, und bis heute kann ich keinen so rechten Sinn darin erblicken. Aber hier muss ich mein Urteil revidieren: Die einzelnen Stationen sind unterhaltsam gemacht und leicht verständlich geschrieben – nicht in dem unsäglichen Fachchinesisch, das mit bei Pfaden dieser Art sonst so sehr auf die Nerven geht.

So bedaure ich es fast, als der Jakobsweg sich wieder von dem Geopfad verabschiedet und über den Buchenberg, der in der Eiszeit vom Illergletscher hierher geschoben wurde (das immerhin hab ich gerade gelernt), in Richtung Rechtis führt. Der Wirlinger Wald ist der erste größere Forst, den wir bisher durchqueren. Die Vögel zwitschern, dass es eine Pracht ist, und ich ärgere mich wieder, dass ich im Biologieunterricht so wenig aufgepasst habe. Sonst wüsste ich jetzt, wer da so schön für mich und uns singt. Auf jeden Fall fällt mir auf, dass es ich mit zunehmendem Alter eine immer größer werdende Nähe zum Gesang eines Vogels empfinde. Ich höre nicht nur mit dem Ohr, sondern auch mit dem Herz. Ein Fortschritt. Ein Segen des Älterwerdens.

Die Moore im Wirlinger Wald sind eine Augenweide, die kleinen Bächlein laden dazu ein, sich die Füße zu kühlen, und mit den Zwerg-Birke im Breitenmoos begegnen einem da sogar noch Überbleibsel aus der Eiszeit.

Dann aber geht es zackig nach oben, man spürt es auch körperlich: Wir kommen den Alpen näher. Die Wiesen hoch nach Rechtis muten fast schon wie eine Alm an, und tatsächlich begleitet uns das Gebimmel der Kühe auf unserem Anstieg hoch in das kleine Dörflein mit seinem romanischen Kirchturm. Das verlockt mich, drinnen etwas inne zu halten. Dort zeigt sich einmal mehr, dass dieser Landstrich das Königreich des Barock ist. Aus der Zeit davor hat sich gerade noch der gotische Taufstein erhalten.

Barockpracht im Kirchlein von Rechtis.
Barockpracht im Kirchlein von Rechtis.

Nach dem Dörfchen wartet wieder eine Asphalt-Passage auf uns, und so entscheiden wir uns nach ein paar Kilometern, doch der Beschilderung nach rechts zum Sonneckgrat hoch zu folgen. Da kommen wir ganz schön ins Keuchen und Schwitzen, aber noch stört uns das nicht, schließlich scheint die Strecke nach Weitnau, das wir zum Tagesziel auserkoren haben, auf der Landkarte nicht sehr weit.

Zudem ist diese Route sehr idyllisch, bietet romantische Blicke auf den Grünten und die Oberstdorfer Gipfel und auch die Au unten. Zudem hören wir den Lärm der im Tal verlaufenden Bundesstraße nicht. Aber wenn man schon einige Stunden wandern in den Knochen hat und auch noch einen Rucksack schleppen muss, ist das dann so einfach doch nicht. Die Sache fordert und schon, wir sehnen das Ziel herbei, und trotz aller Schönheit der Natur hier fällt ab und an doch der Satz „Wären wir doch unten geblieben!“.

Meine Sohlen brennen, als der Weg sich dann endlich doch in Richtung Weitnau senkt und wir vorbei an dem herrlichen Anwesen der Brauerei dann spät genug (gegen 19 Uhr) doch den Goldenen Adler in der Ortsmitte erreichen, wo wir es uns schmecken lassen und übernachten.

Und wir sind uns einig: Denjenigen, die sich auf unsere Spuren begeben wollen, müssen zwei Dinge unbedingt gesagt werden: Die Zeitangaben auf den Tafeln sind, wenn man Gepäck auf dem Rücken hat, völlig utopisch (ansonsten ist der Weg prima markiert, man braucht keine Karte). Und die Streckenführung weicht auch manchmal von den großen Übersichtstafeln und deren Höhenprofil ab. Sie erwecken den Eindruck, als gehe es von Buchenberg an nur bergab – was angesichts des Sonneckgrats ein völliger Witz ist.

Wer schnell vorankommen will, vermag von Buchenberg aus auch weiter die alte Bahntrasse zu benutzen. Auf sie kann man auch kurz vor der Steigung nach Rechtis noch einschwenken, wenn man sich den Sonneckgrat sparen will. Aber wie gesagt: Dann entgehen einem auch viele Naturschönheiten.

Guten Weg!

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