GTA 2013 (Etappe 3): Rifugio Vulpot – Usseglio

Mittwoch, 10.Juli: Die Nacht war prima im Rifugio Vulpot. Auch wenn die Bauarbeiter unten im Hof schon um 7 Uhr mit ihrem Tagwerk angefangen haben. Aber was soll’s. Aufstehen muss man ja ohnehin.

Die Sonne begrüßt uns, als wir kurz vor 10 dann zu unserer heutigen Etappe aufbrechen.

Wir kommen etwas später weg als gedacht, weil wir uns noch mit einem freundlichen Italiener unterhalten, der gleich drei Hunde hat. Er kommt immer zur Kurz-Entspannung hier an den Lago, schätzt die Ruhe und das gute Essen hier. Er muss es wissen, denn es stellt sich heraus, daß er selbst ein Restaurant führt: die Trattoria del Moro in Avigliana in der Nähe von Turin. Wir sollen doch mal vorbeikommen, sagt er. Und vielleicht tun wir das ja tatsächlich.

Jetzt folgen wir aber erst mal dem Rat von Ileana Bruno, der Wirtin: Wir sollen nicht die Straße runter nach Usseglio. Sondern die Decauville benutzen. Das ist eine aufgelassene Schmalspur-Eisenbahn, die dereinst die Kraftwerksgesellschaft gebaut hat, vermutlich um den Staudamm zu bauen.

Sie zu finden ist freilich gar nicht so leicht. Aber dann entdecken wir doch die paar Stufen, die links von der Straße wegführen. Daß wir schon nach ein paar Metern Eisentritte im Fels benutzen müssen, um auf der Trasse zu bleiben, hätten wir uns freilich nicht gedacht. Gerade für Arco, unseren Hund, ist das schon eine Herausforderung. Ihm schlottern die Knie, Christine wuchtet ihn nach oben, ich packe ihn am Fell – und dann schafft er es tatsächlich doch.

Von nun an wird es etwas bequemer. Wir bleiben immer auf derselben Höhe. Immer wieder sieht man die alten Gleise noch, zuweilen ragen sie aus dem Boden. Man muss ein gutes Auge haben, um die Reste dieses Bähnles zu entdecken, aber Fans der Industriegeschichte werden hier sicher ihre Freude haben.

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Fast der einzige Wegweiser: die Decauville ist eine aufgelassene Eisenbahnlinie.

Doch auch Blumenfreunde kommen hier auf ihre Kosten. Gerade die Feuerlilien, die mich von Tag zu Tag mehr begeistern, gedeihen hier prächtig, aber auch sonst quellen die Wiesen hier regelrecht von Blüten über.

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Die Blumenpracht am Wegesrand begeistert uns.

Nach einer Stunde freilich wartet die große Herausforderung: Ein Tunnel, durch den dereinst die Decauville ratterte. Rund 400 Meter ist er lang, schätze ich nach einem Blick auf unsere tolle Karte. Wir wagen es. Auch wenn wir keine Stirnlampen dabei haben. Und sind erstaunt, wie lange man doch noch was sieht. Aber dann wird es doch stockdunkel.Unsere Schätzungen gehen doch etwas auseinander. Christine meint nach 50 Metern, ich gehe vom Dreifachen aus. Wir haben irgendwie das Zeitgefühl verloren. Und ich auch das Raumgefühl. Ich meine, rechts im Tunnel zu gehen, stoße dann aber mit der linken Hand an die Seite.

Nun wechseln wir. Christine geht voran. Sie hat ja (im Gegensatz zu mir) Wanderstöcke mit dabei, stochert damit vor sich her. Vor etwa 15 Jahren hätte ich in dieser Dunkelheit noch eine Panikattacke bekommen, weil ich davon ausgegangen wäre, daß die Felsdecke just in dem Moment, in dem ich hier durchgehe, zusammenstürzt. Gottseidank ist das jetzt vorbei.

Aber dennoch kann ich nachvollziehen, was das geflügelte Wort bedeutet: „Ich sehe Licht am Ende des Tunnels.“

Doch nach dem Tunnel nicht nur das. In dem Licht glänzen die verschiedensten Blüten: Von den verschiedensten Orchideen angefangen bis hin zu den Feuerlilien, die mir immer mehr ans Herz wachsen. Und der Weg geht immer fast auf einer Ebene dahin. Wirklich angenehm zu gehen.

Dann aber wächst er immer weiter zu. Arco, unser Hund, der brav seinen Rucksack mit sich schleppt, verschwindet im Erlengebüsch und taucht nach einer Weile auf – ohne das Päckchen, das er zu tragen hatte. Wirkliche Qualität hatte der fressnapf hier also nicht zu bieten. Nach drei Tagen schon eine Verlustmeldung – das ist schon ein bißle früh.

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Da hatte Arco noch seinen Rucksack.

Immer mehr Abbrüche weist die Decauville auf, der Weg wird abenteuerlicher, wir müssen gar ein Schneefeld, dem wir nicht trauen, etwa 30 Meter weiter unten queren.

Aber wir machen uns keine Sorgen. Der Weg ist einfach zu schön. Den paar Wolken am Himmel schenken wir gar keine Beachtung, auch nicht der Tatsache, daß unser Weg auf der Karte nur bis zu einer bestimmten Stelle rot eingezeichnet ist.

Als wir da ankommen, stellen wir fest, daß das der höchste Punkt der Fallleitung eines Pumpspeicherwerkes der ENEL, der italienischen Stromgesellschaft ist. Es geht nicht weiter. Keinen Schritt. Dafür geht aber just in diesem Moment ein Gewitter nieder. Wir schlüpfen schnell in unsere Regenkleider und drücken uns gegen die Wand. Pitschnass werden wir trotzdem. Aber gottlob dauert es nicht allzu lang.

Nun müssen wir wieder etwa einen Kilometer zurück, bis wir auf einem Querweg absteigen können. Schlecht markiert. Aber wir schlagen uns irgendwie durch. Und werden mit einer Blumenwiese belohnt, wie ich sie seit meiner Kindheit, als ich mit Vati und meimer Schwester Birgit zum Muttertagsblumenpflücken gegangen bin, nicht mehr gesehen habe.

In einer Trattoria in Margone nehmen wir noch einen Tee beziehungsweise einen Kaffee, bevor wir dann der Straße entlang nach Usseglio absteigen.

Vorbei an alten Villen, von denen eine sogar ein Partisanen-Hospital war. Sie verfallen zunehmend. Manchmal hab ich den Eindruck, in Indien zu sein. So sehr verlottert hier manches Zeugnis der Blütezeit des Tourismus in den Valli di Lanzo an der Wende vom 19. bis 20. Jahrhundert.

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Fast wie in Indien: Diese Villa (das einstige Partisanen-Hospital) verkommt zusehens.

Gleich zu Beginn von Usseglio, unserem heutigen Ziel, das wir durch die widrigen Umstände viel später als erwartet erreichen, überrascht und begeistert mich gleich zu Beginn ein alter Kirchhof, in dem sogar ein Stein mit Herkules-Widmung aus römischer Zeit integriert ist.

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Gleich zu Beginn von Usseglio: ein herrlicher Kirchhof.

Schlafen werden wir heute im Grand Hotel Rocciamelone, einem Jugendstil-Haus, das auch schon bessere Tage gesehen hat. Unser Zimmer aber ist frisch renoviert, und wir genießen das Abendessen in dem original Speisesaal aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts mit seiner hohen Decke und den Jugendstil-Ornamenten. Und schmecken tut es auch: Sowohl die Gnocchi mit Käsesauce als auch den Braten mit Steinpilzen und köstlichen Bohnen und Bratkartoffeln.

Geschlafen haben wir dort auch wieder ganz prima. Hier der Link zum Hotel: http://www.albergo-rocciamelone.com.

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