Der Malerweg – Etappe 1: Lohmen – Hohnstein

Dienstag, 27. August 2013: Unsere Nacht haben wir im Landhaus Nicolai in Lohmen verbracht. Das Hotel hat sich nach dem Dorfpfarrer benannt, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur seine Schäfchen hier im Dorf betreut, sondern sich auch  um die Sächsische Schweiz sehr verdient gemacht hat. Unter anderem, indem er den ersten Wanderführer über die Region verfasst hat, die wir die nächsten vier Tage durchstreifen wollen.
Um 9 Uhr geht es los, und schon in der ersten Stunde können wir unsere Begeisterung nicht mehr zurückhalten. Zu schön ist diese Landschaft schon auf den ersten Kilometern. Ganz anders, als wir sie zuhause, sei es auf der Alb oder in den Außerferner Alpen, gewohnt sind.
Im Uttewalder Grund starten wir eine wahre Foto-Orgie, schießen die ersten Bilder. Bis zum Abend sollen es bei mir allein auf dem Kamera-Chip 116 Schnappschüsse werden (hinzu kommen noch etliche auf dem iPhone).
Ganz besonders tut es mir das Felsentor an, das auch schon die Maler der Romantik (und späterer Zeiten) fasziniert hat. Mächtige Steine haben sich hier in ihren „Brüdern“ verkeilt und nur noch einen engen Durchlass übrig gelassen, den man nur passieren kann, wenn man sich bückt. So wird man (wenn auch unbewusst) vielleicht zu ein bissle Ehrfurcht vor der Natur gezwungen.
Ich aber kann hier erst mal den großen Maxe spielen und auf dem Foto so tun, als trüge ich, der schwäbische Atlas, zwar nicht die Welt, aber immerhin das Elbsandsteingebirge auf meinen Händen. Fakes gibt es ja heute allerorten.

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Der schwäbische Atlas im Uttewalder Grund

Gleich dahinter kommt die erste der gemütlichen Wirtschaften, auf die wir bei unserer Tour noch öfter stoßen sollen. Schon kurz nach 10 sitzen hier am „Waldidyll“ die ersten fröhlichen Wanderer vor ihrem Radeberger (oder anderem köstlichen Sachsen-Bier) und prosten uns zu. Uns ist das noch etwas zu früh, schließlich müssen wir heute 17 Kilometer und 623 Meter Steigung schaffen. Und erst drei oder vier Kilometer haben wir geschafft.

Also weiter, so gemütlich es auch wäre! Nach etwa sechs Kilometern machen wir dann doch die erste Rast, genießen den Blick von der Burgruine hinab auf die Stadt Wehlen und natürlich die Elbe, wo der Ausflugsdampfer „Bastei“ seines Einsatzes harrt und das kleine Fährschiffle tapfer hin- und herpendelt.

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Der Marktplatz der Stadt Wehlen mit der Radfahrerkirche.

Ein paar Stunden später sollte ich erfahren, dass sich die Zeitgenossen, die die ersten Berichte über die Sächsische Schweiz verfasst haben (zum Beispiel die „Frankenstein“-Mutter Mary Shelley), eher herablassend über das kleine Städtchen geäußert haben. Gottlob wussten wir das nicht, und so lassen wir uns von der Bäckerei am Marktplatz zu Kaffee, Tee und Bratapfelkuchen verführen. Und entdecken ein Banner ganz in der Nähe: „Radfahrerkirche“ steht drauf, und ich denk mir, dass mein Herrgott mich da sicher auch als Wanderer reinlässt.
Das Gotteshaus am Elbestrand begeistert mich gleich doppelt: Erstens durch das neoromanische Ambiente, das man indes genauso gut mit „neoromantisch“ beschreiben könnte. Das Altarbild mit der Himmelfahrt mag zwar vielen kitschig erscheinen, aber es berührt meine Seele. Und an der Decke drüber prangt ein Sternenhimmel, der Sehnsüchte wecken kann!
Aber auch das Erdverbundene, was uns hier begegnet, ist einfach grandios. Wenn auch nicht so lang zu sehen wie das Interieur der Kirche: Volker Dietrich, ein Architekt aus der Nähe,  ist oft an der Elbe und an dieser Kirche vorbeigeradelt, wurde wohl von ihr inspiriert, sammelte am Elbufer allerlei Dinge und machte witzige Kunstwerke unter dem Motto „Schifffahrt“ daraus.

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Volker Dietrich macht große Kunst aus kleinen Fundstücken von der Elbe.

Einfach unglaublich, was sich da alles aus Schwemmholz, alten Schuhsohlen, Rasierklingen, Kämmen, alten Regenschirmen und anderen dahergeschwommenen Dingen zaubern lässt! Und es offenbart auch die Fragwürdigkeit des Kunstbetriebs von heute: Die einen kriegen für drei Striche Zigtausende, Dietrich für einfach geniale Ideen nicht mal eine vierstellige Summe. Meine Sympathie hat er dennoch (oder gerade deswegen).
In Wehlen hat es uns so gut gefallen, dass wir erst gegen Mittag weiterkommen. Jetzt wartet eine zackige Steigung auf uns, und eigentlich wollten wir am Steinernen Tisch, an dem schon August der Starke während einer Jagd speiste, unsere gerauchte Schinkenwurst vom jungen Rehbock (von Heiko Kallfass in Nürtingens Wäldern geschossen und vom Metzger Zänglein in Oberensingen grandios zubereitet) verzehren. Aber es kommt anders: weil wir uns zu gut fühlen und als Demokraten sowieso nicht so gern am Tisch eines Monarchen Platz nehmen wollen.
„Treten Sie ein in eine andere Welt!“, heißt es etwa eine halbe Stunde später auf einem großen Plakat. Das tun wir auch. Aber ganz anders, als man sich das ersehnt: Ein Tohuwabohu herrscht schon auf dem Weg zur Bastei, dem Inbegriff der Sächsischen Schweiz schlecht hin. Kaum ein anderer Fleck hier dürfte so oft fotografiert worden sein (ich gebe zu: auch von mir) wie dieser Platz. Aber wer seine Ruhe sucht, ist hier auf dem falschen (Elb-)Dampfer.
Sei’s drum! Da muss man durch. Wer sich kontemplativ zurückziehen will, hat allerdings eine Chance: Die Nationalpark-Galerie Schweizerhaus interessiert mit ihren Kunstwerken zur Landschaft der Sächsischen Schweiz die Touristen-Ströme eher nicht. Allenfalls ein Rinnsal plätschert dorthin.
Aber dennoch (oder gerade deswegen) lohnt sich ein Besuch dort. Einfach toll zum Beispiel die Gegenüberstellung der Gemälde der Romantiker mit Fotos derselben Stellen heute.

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Hier muss man sich einfach fotografieren lassen: die Bastei ist das „Neuschwanstein des Ostens“.

Nun aber wieder raus ins pulsierende Leben. Auf der Stuttgarter Königstraße herrscht normalerweise auch kein dichteres Gedränge. Aber so gern man allein wäre, so klar ist es ja. An einem Ort wie diesem ist das unmöglich. Zumal, wenn er wie die Bastei sehr gut auch mit dem Auto oder dem Bus erreichbar ist. Diesen grandiosen Ort muß man sich nicht erkämpfen – man bekommt ihn quasi auf dem Silbertablett serviert.
„Das Neuschwanstein des Ostens“ schießt es mir plötzlich durch den Kopf. Der Rummel hier kann einem gewaltig auf den Geist gehen - aber gesehen haben muß man diese grandiose Szenerie einfach. Mindestens einmal im Leben.
1851 ließ der damalige Sachsenkönig hier die erste Brücke von Fels zu Fels  erbauen, schon im Jahr danach beschwerten sich die Reiseschriftstelller der damaligen Zeit über den Trubel dort. Sie waren wohl wie ich. Etwas egoistisch. Und etwas weltfremd. So einen Platz ganz für sich zu haben, ist nachgerade eine aberwitzige Idee.
Sei’s drum! Die Freude über diesen grandiosen Blick ist letztlich stärker als alles innere Gegrummel. Man weiß im Grunde gar nicht, wohin schauen und worüber staunen. Und oft sich das Auge mehr freut oder das Herz. Im Grunde kann man all dies gar nicht beschreiben, erst recht nicht in knappen Worten. Die Bastei muß man einfach mal gesehen haben (und wie gesagt: das ist wörtlich zu nehmen).

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„Geh aus mein Herz“: Nürtingens Nationalhymne im Wald an der Bastei.

So was beflügelt. Und so steigen wir leichten Fußes und frohen Herzens hinab Richtung Kurort Rathen. An einer Wegkreuzung steht ein junger Mann, seine Stimme erfüllt den Wald. Und was höre ich, als wir uns ihm nähern? Unsere Nürtinger Nationalhymne! „Geh aus mein Herz und suche Freud!“
Hier auf dem Malerweg hat es die Freud nicht nur gesucht, sondern schon in den allerersten Stunden schon gefunden…
Wir wandern an der berühmten Felsenbühne Rathen vorbei (wo heute Abend das Musical „Dracula“ und morgen Carl Maria von Webers „Freischütz“ gegeben wird) in den Amselgrund und setzen uns dort an den Stausee, der zur Zeit des Nationalsozialismus geschaffen wurde, um eine Touristenattraktion zu schaffen (die Nazis waren es auch, die die Gegend hier zum Naturschutzgebiet erklärten – was sie kein bissle weniger schön macht), und essen dann mit einiger Verspätung doch noch unsere gerauchte Schinkenwurst vom jungen Rehbock…
An der Amselgrund-Hütte („Baude“ sagt der Sachse) bewundern wir die Informationsstelkle der Nationalparkverwaltung und verfolgen, das (eher kurze) Schauspiel, bei dem das gestaute Wasser für 30 Cent auf einen Schwall zu Tale gelassen wird. Mit einiger Lebenserfahrung und aus 15 Meter Distanz sieht das eher lustig aus – ein kleiner Bub aber ahnt nichts, wähnt den Weltuntergang nahe und rennt schreiend zu seinem Papa.

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Der Amselfall war schon im Biedermeier eine Touristenattraktion.

Schmunzelnd steigen wir weiter bergauf. Die Treppen, die ich sonst nur vom Büro kenne, gehen mir ziemlich in die Wadeln, und ich bin heilfroh, endlich oben in Rathewalde angekommen zu sein. Das muss in früheren Zeiten schon anderen so gegangen sein. Am Brunnen der Mühle an der Hangkante steht nämlich ein Hinweis, daß hier der Durst nicht gestillt werden darf – es sei denn, man entrichtet ein „Trinkgeld“ von fünf Pfennig. Da wir ja in der Euro-Zeit leben, halte ich mich pflichtschuldigst an das Verbot und laufe weiter.

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Verbote sind dazu da, eingehalten zu werden: Deswegen trinken wir selbstverständlich nichts.

Die nächsten zwei, drei Kilometer sind relativ unspektakulär, aber dann sind wir auf dem Hockstein.  Der Blick runter ins Polenztal kann einen fast schwindlig machen – aber genau dort müssen wir hin.
Und zwar auf einem Weg, den Yvonne Brückner vom Tourismusverband Sächsische Schweiz als „für Hunde ungeeignet“ bezeichnet hat. Kann man nachvollziehen, da er aus unzähligen Treppen aus Eisengittern besteht.
Aber es ist einfach zu verführerisch, in die Wolfsschlucht hinabzusteigen. Ich weiß zwar in diesem Moment nicht, ob Carl Maria von Weber hier zu seiner berühmten „Freischütz“-Szene inspiriert wurde (das muß ich noch nachprüfen). Aber vorstellen könnte ich es mir schon.

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Abenteuerlich ist der Weg durch die Wolfsschlucht – es geht mitten durch den Fels.

Der Pfad wird immer enger und steiler – und führt mitten durch die Felsen. Der Wahnsinn. Manche bekommen hier schlotternde Knie, hab ich mir sagen lassen. Mag sein. Aber schön war es doch.
Drunten im Polenmztal können wir uns dann keineswegs auf die faule Haut legen. Denn unser Quartier liegt hoch droben auf dem Berg. Höher geht’s hier nimmer: Die Burg Hohnstein ist das Maß aller Dinge. Zu ihr müssen wir durch den Schindergraben. Der heißt nicht etwa so, weil wir uns am Ende eines langen Wandertages hier hoch schinden müssen. Sondern weil man vor rund vier Jahrzehnten totes oder todkrankes Vieh vom Dorf hier herunter geschmissen hat, um Seuchen vorzubeugen.
Oben sind wir dann schneller, als wir gedacht haben. Doch in den Stolz über unsere Leistung und in die Vorfreude, bald alle Viere von uns strecken zu können, mischt sich auch Beklemmung: In die altehrwürdige Burg und das spätere Jagdschloss der Sachsenkönige haben die Nazis gleich nachdem sie 1933 die Macht ergriffen hatten, ein „Schutzhaftlager“ eingerichtet und bis 1934 über 5000 Menschen dort festgehalten.

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Vom Jagdschloss zum „Schutzhaftlager“: Burg Hohnstein hat eine bewegte Geschichte.

Vom Platz vor dem Unteren Schloß (wo wir schlafen), an dem die Blutbuche steht, haben sich viele davon die Felsen hinab in den Tod gestürzt.
Daran am Ende eines herrlichen Wandertages erinnert zu werden, ist nicht angenehm. Aber gut, richtig und wichtig.

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