Der Schluchtensteig (1): Durch die jüngste Schlucht der Welt

Die Wandersaison hat begonnen – und die erste Fernwandertour  dieses Jahres soll im Naturpark Südschwarzwald steigen: Der Schluchtensteig ist insgesamt 119 Kilometer lang, die auf sechs Etappen verteilt sind. Wir aber beschränken uns erstmal auf vier. Mit rund 80 Kilometern. Reicht ja erst mal für den Anfang.

Los geht es in Blumberg. Und schon nach ein paar Metern wartet die erste Herausforderung: Zu den Schleifenbach-Wasserfällen müssen wir eine acht Meter hohe (oder besser gesagt: tiefe) Leiter hinunter. Fast senkrecht. Arco, unser Hund, verweigert mehrmals, kämpft sich dann auf der Seite seine eigene Steilpiste hinab. Aber der Anblick aus der Klamm auf die herabstürzenden Wassermassen ist auf jeden Fall ein erster Höhepunkt.

Start in die Tour: die Schleifenbach-Wasserfälle

Dann geht ’s erstmal gemütlich weiter. Zu einer Begegnung mit der eigenen Jugend: „Gaudeamus igitur“ und „Alt Heidelberg, du feine!“ haben wir als Studenten oft gesungen. Der Text-Dichter dieser Lieder, Joseph Victor von Scheffel, saß oft in der „Linde“ in Achdorf und himmelte die Wirtstochter Josefine an, der er „sehr zugetan war“, wie man es damals vornehm formulierte. Der Baum vor dem Wirtshaus wurde nach seinem Tod in „Scheffellinde“ umbenannt und steht noch heute. Egal, wie hoch nun der Grad der „Zugetanheit“ war – ein schöner Platz ist es auf jeden Fall. Ideal für die erste Jause auf dieser Tour.

Die erste Jause in der Nähe der Scheffellinde schmeckt.

Danach geht es zuerst mal so gut wie flach dahin. Am Kiosk an der Wutachmühle stärken wir uns noch mit einem Kaffee. Und treffen auf einen Züricher, der sowohl Angler als auch Angel-Aufseher ist und die Wutach-Forellen rühmt. Die hätten dort derart ideale Lebensbedingungen (Super-Wasser, jede Menge exquisiter Nahrung), dass sie einfach unübertrefflich seien. Das Blöde nur: Im Restaurant bekommt man sie nicht. Den Anglern sei es nämlich streng verboten, sie zu verkaufen. Nix also mit unserem Traum-Abendessen.

Aber jetzt erstmal hinein in die Wutachschlucht! Und da auf engem Pfad immer dem Wasser entlang zu wandern – das ist schon eine Herausforderung (zumal die Steine nass und der Boden glitschig sind). Aber ein Traum zugleich. Man kann den früheren Vorsitzenden des Schwarzwaldvereins, Herman Schurhammer, verstehen, der seit 1921 darum kämpfte, diese einzigartige Landschaft unter Schutz zu stellen. 18 Jahre später hatte er (nach vielen Rückschlägen, vor allem in der ersten Phase) sein Ziel erreicht.

„Da geht ’s rein in die Wutachschlucht!“

Seit 70 000 Jahren bahnt sich die Wutach ihren Weg durch den Südschwarzwald. Für Geologen ist das quasi ein Wimpernschlag. Daher gilt der Landstrich hier als die jüngste Schlucht der Erde.

Dafür hat die junge Dame aber eine ganze Menge zu bieten: Fast die Hälfte der 2500 in Mitteleuropa vorkommenden Pflanzen kann man hier finden – von der Hirschzunge über den Türkenbund bis zu den Mondviolen. Plus 30  verschiedene Orchideen. Dazu kommen noch 500 Schmetterlingsarten und unzählige Vögel, die jetzt im Frühling eine fantastische Begleitmusik zu unserer Wanderung anstimmen.

Wie gesagt: Der Weg durch die Schlucht ist nicht ohne. Was aber auch nicht weiter schlimm ist. Schließlich sollte man ja durch ein Naturschutzgebiet nicht unbedingt durchhetzen. Dadurch erklärt sich vielleicht auch, dass man dort auch immer wieder die sonst eher aus den Alpen oder dem Himalaya bekannten „Steinmandl“ findet. Auch direkt an der Wutach.

Ein Wandermandl neben dem Steinmandl.

Nochmals zurück zu den Forellen: Die waren schon vor 150 Jahren so berühmt, dass der Royal Fishing Club of London das einstige Kurbad Bad Boll (das damals in einer Reihe mit Marienbad genannt wurde) aufkaufte. Auch Winston Churchill angelte hier an der Wutach. Mehrmals. Der Erste Weltkrieg machte dieser Herrlichkeit ein Ende, und heute ist die verfallene Kapelle ( „Betreten verboten!“) quasi noch das einzige Zeugnis davon. Sic transit gloria mundi!

Das letzte Zeugnis des einst glorreichen Bads Boll: die Kapelle. Ob auch Winston Churchill drin war?

Jetzt aber müssen wir uns sputen. Es ist schon spät, und wir sind froh, dass wir an der Schattenmühle, dem Schlusspunkt unserer ersten Etappe noch ein Taxi zum Schwarzwaldhof Nicklas in Holzschlag, unserem ersten Quartier, bekommen. Bei der Familie Fichtel lassen wir es uns schmecken und fallen dann todmüde ins Bett.

Unser erstes (sehr lobenswertes) Quartier: der Schwarzwaldhof Nicklas der Famile Fichtel.

StreckenStenogramm:

Start: Blumberg

Ziel: Schattenmühle

Länge: 24 Kilometer

Reine Gehzeit: gut sieben Stunden

Höhenunterschied: 350 Meter auf, 400 Meter

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