Via Pensionista (12): Tuckett-Hütte – Rifugio Agostini

Der nächste Tag schenkt uns wieder strahlenden Sonnenschein. Frohen Mutes starten wir am Rifugio Tuckett und müssen erst mal abwärts. „Heute ist Sonntag“, denke ich mir: „Da wird ja der große Ansturm auf die Hütten vorbei sein.“

Erneut ein typischer Fall von Denkste. Als ich so gegen 10 Uhr (frühzeitig, wie ich meine) vom einem Abzweig mit dem Lustig klingenden Namen Sella Del Fridolin (Fridolin-Sattel) beim Rifugio Cima Tosa, unserem heutigen Ziel, anrufe, hole ich mir von einer Dame mit barsch klingender Stimme die nächste Abfuhr: „Wir sind voll!“

Ich kann nicht verhehlen, das sich in mir leichter Frust regt. Hier auf 2134 Meter sind die Telefonverbindungen miserabel, und so langsam kann ich die drei Tschechen verstehen, die mir vor zehn Minuten von ihrer Nacht unter freiem Himmel vorgejammert haben. Da dachten wir noch, das sei aus freien Stücken geschehen, Bergromantik pur quasi. Aber dazu passte schon der Gesichtsausdruck nicht.

Nun wird mir klar warum. Ich brüte über der Karte, denn die wunderschöne Brenta hat für Otto Normalwanderer ein großes Problem: Die herrlichen Felswände, Türme  und Zinnen liegen wie ein Querriegel vor einem. Viele Wege sind nur über Leitern passierbar. Und das heißt für Zeitgenossen mit Hund: gar nicht.

Nun ist also Tüftelei gefragt. Das Rifugio 12 Apostoli liegt zwar wieder näher an Pinzolo, wo ich eigentlich nicht mehr hin wollte, aber dorthin scheint sich eine Chance aufzutun. Ich rufe an, der Hüttenwirt und ich schreien uns irgendwelche Wortfetzen ins Ohr. Er redet von „Ramponi“, was ich nicht verstehe, sich aber später als „Steigeisen“ entpuppt.

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Hier naht die Rettung per gutem Rat: die Brentei-Hütte.

Und zwar auf dem Rifugio Brentei (2178 Meter),  vor dem wir noch in aller Ruhe unsere Mittagsjause verzehrt haben und wohin wir ja eigentlich schon gestern Abend wollten. Dort klärt mich ein junger Mann auf, daß mein Plan auf keinen Fall hinhauen kann. Es geht unter anderem über Eis. Für uns ohne die berühmten Steigeisen gefährlich, für Arco, unseren Hund, mit dem Christine noch fröhlich herumspielt, unmöglich.

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Die Herbergssuche tut der guten Laune keinen Abbruch.

Als mir von einem Abstieg ganz zurück und hinunter nach Madonna di Campiglio schwant, unterbreitet er mir die nächste Alternative: Doch übers Brenta-Joch hinüber zur Tosa. Aber dort nicht pennen, sondern weiter zum Rifugio Silvio Agostini. Ein ganz schöner Haatsch, aber nun mal nicht zu ändern. Und so alt ist der Tag ja nun auch wieder nicht.

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So gemütlich geht es in der Brenta nur selten zu.

Also, auf geht’s! Der Weg hinauf zum Brenta-Joch steigt eher gemütlich an, ich hab genug Zeit zum Staunen und Fotografieren. Motive für beides gibt es in Hülle und Fülle.

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Auch wenn’s mal eng wird…

 

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… mit der Mutter Gottes, dem ewigen Licht, dem heiligen Wasser von Lourdes und dem Papst persönlich als schützende Mächte kann ja nix passieren .

Aber so gemütlich geht es eben nicht bis zum Ende. Plötzlich tut sich eine senkrechte  Steinmauer auf. Ich schaue nach oben und gucke zwei Familien zu, die sich durch die Felswand nach unten kämpfen. Und trete gleichzeitig auf einen Blockstein, der sich bewegt und wackelt und mir das Gleichgewicht raubt. Meine erste Schürfwunde plus blauem Fleck auf meiner Via Pensionista.

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Auf den letzten Höhenmetern zum Brenta-Joch ist’s mit der Gemütlichkeit vorbei.

Tut aber nicht weh. Zumindest spüre ich es nicht, als wir uns den Seilen entlang nach oben hangeln. Da will jeder Schritt überlegt sein, und bei Arco muß man auch ab und zu nachhelfen. Aber wir schaffen es dann doch hinauf zum Joch und schießen noch ein paar Gipfelglück-Fotos.

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Wir haben es geschafft: Auf dem Brenta-Joch ist Zeit für eine kurze Pause…
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… und eine Stärkung tut gut.

Von einer Familie aus der Nähe von Pistoia in der Toskana werde ich gebeten, dasselbe für sie zu tun. Sie sind uns vom Rifugio Agostini entgegengewandert und versorgen uns mit Infos über den Weg: erst runter, dann wieder rauf – und danach in etwas abgemilderter Form nochmal.

Am Rifugio Tosa, demgegenüber ich nun eine Form von Grundaversion wegen der unfreundlichen Behandlung heute morgen habe, steht, es sei gute zwei Stunden dorthin zur Agostini-Hütte. Da aber seit Stunden wieder kein Telefonnetz verfügbar ist, beginnt nun ein Marsch ins Ungewisse. Denn ob dort ein Platz für uns frei ist, ist alles andere als sicher. Immerhin sagen mir die Toskaner, die wieder zurück laufen, daß eine Stunde Abstieg weiter mit dem Rifugio Cacciatore noch eine allerletzte Chance existiert.

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Eine letzte Rast gegen dem Unterzucker – am Noghera-Joch.

Beim Weg hinauf zum 2413 Meter hohen Noghera-Joch spüre ich, daß mir die Haatscherei je spätnachmittäglicher es wird, immer mehr zuwider wird. Ich frage mich, wann endlich dieser verdammte Pass kommt. Habe aber gottlob doch Augen für die Edelweiß am Wegesrande.

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„Stern der Alpen“ sagen die Italiener zum Edelweiß. In der Brenta findet man es noch.

Endlich stehen wir oben und sehen in der Ferne einem roten Punkt: die Agostini-Hütte! Vor uns tut sich aber erst einmal ein Abgrund auf, ungesichert, mit viel Rutsch-Potential. Da müht sich ein wackrer Schwabe (der allerdings im bayerischen Allgäu geboren wurde) ab. Christine lotst Werner, der – wie wir erfahren – in Waiblingen die Schokoladen-Manufaktur Sinnlichkeit in Schokolade betreibt, jetzt aber seit drei Wochen von Garmisch Richtung Gardasee unterwegs ist, hinunter auf sicheres Terrain.

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Wegen Erschöpfung gab’s nur einen magere Foto-Ausbeute von der Agostini-Hütte.

Wir gehen das letzte Stück gemeinsam, sitzen gemeinsam beim Abendessen und werden zusammen ins Winterlager geschickt, wo wir die letzten drei Rest-Betten ganz hinten im Eck zugewiesen bekommen. Zwar muß ich eine akrobatische Leistung vollbringen, um vom Fußende durch das Gestänge auf meine Matratze zu kommen (wegen der Enge gibt es keinem Seiteneinstieg). Aber immerhin ein Platz zum Schlafen.

Gegangen am 13. August 2017

Geschrieben am 19. August 2017

Start: 8 Uhr

Ziel: 18.30 Uhr

Höhenunterschied: 800 Meter auf, 450 Meter ab

Übernachtung: Rifugio Silvio Agostini; gutes Essen; Enges Winterlager; http://www.rifugioagostini.com/Homepage_ted

Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de

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