Sankt Petersburg 2018 (2): Die Petrikirche

Sonntagmorgen. Der erste komplette Tag in St. Petersburg. Wir wollen ihn mit einem Besuch in der evangelischen Petrikirche beginnen. Vor dem Bau, der 1833 nach den Plänen von Alexander Brüllow (sein Bruder malte dann das wunderschöne Altarbild) begonnen und 1838 vollendet wurde, trägt der Apostel Paulus eine Mütze aus Schnee. Und wir wundern uns, dass wir keineswegs die einzigen sind, die kurz nach 10 Uhr dieses Ziel haben.

Wie wir später von Küster Klaus Dombrowski (im Zivilberuf Betreuer der Obi-Märkte im Norden und Osten Russlands) erfahren, zählt die St. Annen- und St. Petri-Gemeinde 120 Seelen. Einst waren es 21 000, und das Gotteshaus fasste 3000 Menschen. Noch heute ist sie die größte lutherische Kirche in ganz Rußland.

Alles ist relativ. Wenn man die alten Menschen abzieht, die wohl wegen der vereisten Gehwege mit massiver Rutschgefahr (auch wir müssen immer wieder damit kämpfen) zuhause geblieben sind, dann ist fast die ganze Gemeinde versammelt, um den Gottesdienst mit der Taufe des kleinen Maximilian zu feiern. Von einer solchen Quote könnte man daheim in Nürtingen und wohl in der ganzen evangelischen Kirche in Deutschland nur träumen.

Klaus Dombrowski ist nicht nur Küster. Sondern auch Glöckner. Zwar nicht von Notre Dame. Aber immerhin von St. Petri. Auch in einer (einstigen) Hauptstadt. Und das heißt: Er kann nicht wie daheim in Deutschland einfach einen Knopf drücken, er muß schon mit der Hand ran. Beziehungsweise mit beiden Händen. Fünf Minuten lang.

Schon morgens im Hotel hat uns das langsame, fast meditative Läuten der Isaaks-Kathedrale beeindruckt. Ähnlich meditativ schreitet nun Michael Schwarzkopf, der Pastor, gemessenen Schrittes zum Altar unter dem herrlichen Bild von Karl Brüllow und eröffnet den Gottesdienst. Wie soll denn das werden?, frage ich mich: Die meisten hier im Raum sind Russen oder verstehen und sprechen Russisch, ich kann mir vielleicht eine Suppe bestellen…

Pastor Michael Schwarzkopf vor Karl Brüllows Altarbild.

Es geht erstaunlich gut. Der Gottesdienst ist zweisprachig, sowohl Liturgie als auch Predigt. Die Gebete und das Schuldbekenntnis spricht jeder in der eigenen Sprache, und (allerdings nur ein bißchen) problematisch wird es eigentlich nur, wenn gesungen wird. Die Lieder sind aus dem niedersächsischen und bremischen Gesangbuch und nur auf Deutsch. Aber das ist nicht weiter schlimm. Auch in Nürtingen singen ja nicht alle beziehungsweise viele eher im Flüsterton.

Während der Lesung denke ich mir: Vielleicht klingen dieselben Worte in einer anderen Stadt in einer anderen Situation ganz anders. Besser gesagt. Sie wirken anders. Die Petersburger haben unter der deutschen Blockade unsäglich gelitten, die Russlanddeutschen haben unter Stalins Deportationen unsäglich gelitten, und viele in der Stadt und in der Gemeinde geht es auch heute wahrlich nicht gut.

Und dann sagt Paulus: „Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich…Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal…Segnet, die Euch verfolgen; segnet und fluchet nicht…Freut Euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden … Habt einerlei Sinn untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet Euch herunter zu den Niedrigen…Vergeltet niemand Böses mit Bösem…Habt mit allen Menschen Frieden…So nun Dein Feind hungert, so speise ihn…Laß Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Ich denke unweigerlich an die Vergangenheit unserer Länder und Völker im vergangenen Jahrhundert und gestehe: Diese Sätze gehen mir regelrecht unter die Haut.

Auch die Predigt ist sehr eindrucksvoll. Es geht ums Beten, und Michael Schwarzkopf erinnert daran, dass nicht alles in Erfüllung gehe, worum man man im Gebet bitte. Zum Beispiel während der Deportationen und Vertreibungen. Für ihn ist wie für Martin Luther der entscheidende Satz: „Herr, lehre uns beten!“ Sinngemäß aus der Erinnerung zitiert: Wann man Gott sein Herz öffne, erkenne man auch das, was einen im Innersten bewege, in Leid und Freud. Und in allem sei Gott bei einem.

Der Gottesdienst ist vorüber. Wir gehen noch auf die Empore, stehen vor der schönen neuen Orgel und ich entdecke einen weiteren Grund zur Freude: Sie wurde von der evangelischen Kirchengemeinde Unterlenningen mitfinanziert. Ein unverhoffter Gruß aus der Heimat.

Nach dem Kirchencafe (beziehungsweise Kaffee und Tee in der Kirche) führt uns Klaus Dombrowski noch in die Katakomben — und damit in und durch die wechselvolle Geschichte dieses Bauwerks und dieser Gemeinde. 1937 war es von den Kommunisten beschlagnahmt worden. Ein Vierteljahrhundert später kamen die auf die Idee, ein Schwimmbad daraus zu machen. Wo zuvor der Altar stand, ragte nun ein Sprungturm in die Höhe, die Empören wurden zu Zuschauertribünen.

Im Untergeschoss kleben heute noch die Kacheln des wettkampftauglichen 25-Meter-Beckens, und da es unfinanzierbar war, die Kirche komplett wieder in den Originalzustand zu versetzen, wurde eine Zwischendecke eingezogen. Und dadurch hat man hier drunten heute tatsächlich ein Gefühl wie im Urchristentum. Es finden ja tatsächlich auch Gottesdienste hier statt.

Auch von den Wänden kann man den Blick kaum lassen: Adam Schmidt, der im Beruf Stalinbilder für Büroräume in Massen gemalt hatte (das war für die Auftraggeber günstiger als Fotos) schildert hier den Leidensweg vieler Russlanddeutscher am Beispiel seiner Familie – von der Verhaftung und Zerstörung der Kirchen über den Transport in Güterwaggons bis zum Straflager in Workuta und der Zwangsarbeit in den sibirischen Wäldern sowie den heimlichen Gottesdiensten im Untergrund.

Adam Schmidts Erinnerung an die Verhaftung seiner Familie.

Der Transport im Güterwaggon nach Sibirien.

Zwangsarbeit beim Straflager in Workuta.

Die Wandgemälde des Amerikaners Matt Lamb wiederum stehen unter dem Motto „Glaube, Liebe, Hoffnung“: Nachdem er vom Arzt die niederschmetternde Diagnose erhalten hatte, er habe nur noch kurze Frist zu leben, hatte der den Entschluss gefasst, ungewöhnliche Orte auf der Welt mit Variationen zu diesem Motiv zu bemalen. In Russland wähle er die Katakomben von St. Petri aus. Als er dann von seiner Reise rund um den Globus zurück nach Hause kam, erhielt er die Nachricht: Sorry, wir haben uns bei der Diagnose getäuscht.

Matt Lambsdorff Altarkreuz in den Katakomben der Petrikirche.

Glaube. Liebe. Hoffnung. Manchmal hilft es eben doch. Auch wenn man nicht (mehr) damit rechnet.

Mein Reiseführer-Tipp.

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