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St. Petersburg 2018 (5): Der verlorene Sohn

In Kursen wie „Kreatives Schreiben“ ist eine der beliebtesten Übungen: Einfach mal drauflosschreiben. Was einem gerade spontan einfällt. Nicht nachdenken! Alsdann, probieren es mal aus:

Es ist der 13. Februar 2018. Wir besuchen die Eremitage. Ich sitze vor Rembrandts Gemälde „Der verlorene Sohn“, das mich schon vor 15 Jahren fasziniert hat. Und schaue mal genau hin.

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Das ganze Bild: Rembrandts „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ (geschaffen 1663 bis 1669)

Fast alles ist dunkel. Nur zwei sind im Licht. Nicht nur der Vater. Sondern auch der Sohn. Der verlorene.

Zwar nicht so stark. Und auch nicht ganz. Aber das müde, abgekämpfte Haupt, das sich gegen des Vaters Bauch drückt, schon. Er fühlt sich geborgen.

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Erschöpft und geborgen: der verlorene Sohn.

Helligkeit umfängt auch seinen Nacken – in alten Zeiten sauste dort das Schwert des Scharfrichters nieder.

Und die segnenden Hände des Vaters auf Schulter und Rücken. Sie ruhen. Alle zehn Finger berühren. Er berührt. Der Sohn ist berührt. Und sicher auch gerührt.

Das Gesicht des Vaters? Auch müde, abgekämpft. Als wollte er sagen: „Ach, Bub! Warum hast Du Dir so lange Zeit gelassen?“ Kein Vorwurf spiegelt sich darin. Nur tiefes Mitleid.

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Das Gesicht des Vaters: auch er ist müde und abgekämpft.

Vielleicht auch Fragen: „Habe ich was falsch gemacht?Was hab ich falsch gemacht? Wie fühlt mein Bub sich jetzt? Hoffentlich nicht erniedrigt. Verzweifelt sicher. Aber das muß doch nicht sein!

Ich hab ihn doch lieb! Ich hatte ihn doch immer lieb – egal, welche Flausen er im Kopf hatte und egal, was er angestellt hatte. Hat er das nie gespürt? Warum? Oder hat er das nie spüren wollen? Warum?

Geld bin ich ihm nicht schuldig geblieben. Aber vielleicht anderes. Was nutzt mir mein prächtiger Armreif, wenn mein Sohn für sich verloren ist? Auf jeden Fall: Mein Mantel im Rot der Liebe umhüllt auch ihn. Er gehört zu mir. So, wie es immer war.

Steh auf, mein Junge! Du mußt nicht vor mir knien! Vor mir doch nicht!

Steh auf und schau mir in die Augen! Dann siehst Du: Du warst vielleicht verloren, ich hab Dich vielleicht verloren – aber das zählt nicht.

Du warst auch geborgen, bist geborgen und wirst immer geborgen sein. Vertrau darauf!

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Nur noch ein halber Schuh…

Du hast nur noch einen halben Schuh. Aber das macht nichts! Du hast wieder Boden unter Dir, festen Boden. Du bist getragen, auch wenn Du ins Wanken gekommen bist. Es geht weiter. Geh weiter! Mit oder ohne Schuhe – egal! Meine Hände sollen Dir keine Last auf den Schultern sein. Sie schenken Dir Wärme. Wärme, die nie vergeht. Denk dran, wenn ich mal nicht mehr da bin!“

***

Wer sind die Leute im Hintergrund? Wer ist die Frau? Ist es die Mutter? Warum ist sie so weit weg? Warum ist sie so im Dunkel, daß sie der Focus der Kamera kaum erfasst, immer wieder verspringt, wenn man sie fotografieren will?

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Wer ist die Frau im Hintergrund?

***

Wer ist der Junge? In der Bibel ist der Bruder zornig? Ist es überhaupt der Bruder? Falls ja, scheint er sich mitzufreuen.

Dann wären ja Neid und Eifersucht überwunden, dann könnte ja die Geschichte anders ausgehen als mit Geschwistergroll. So will es ja sich das Gleichnis Jesu. Hat Rembrandt auch dies kurz vor seinem Tod ausdrücken wollen?

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Wer ist der Junge?

***

Wer ist der Mann mit dem Hut? Vorhin habe ich im Audio-Guide der Eremitage gehört, dass die Holländer zu Rembrandts Zeit auch daheim in der Wohnung, in der Familie den Hut aufbehalten hätten.

Heißt das: So was kommt in allen Familien vor, selbst in den besten? Hat der Mann deswegen so einen resignierten, eher unbeteiligten Blick?

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Wer ist der Mann mit dem Hut?

***

Der stehende Mann rechts trägt auch einen roten Mantel. Er schaut wohlwollend. Symbolisiert er aufrechte und aufrichtige Nächstenliebe, die Anteil nimmt und zugleich weiß, was Verlorensein und Schuld sind und Vergebung sein kann?

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Der Mann mit dem roten Mantel.

***

Wo sind wir, wenn wir auf dieses Bild schauen? Und viel wichtiger: Wo und wer sind wir in diesem Bild?

Vielleicht sind wir ja irgendwie alle(s).

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Mein Reiseführer-Tipp: Auf Marcus X. Schmid und den Michael Müller Verlag kann man sich verlassen – auch im Museum.
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Sankt Petersburg 2018 (4): Das Fenster zum Westen

Während ich dies schreibe, geht unsere Zeit in Russland schon zu Ende: Wir sind in Pulkovo gut gestartet und werden wohl bald über Estland sein. Gute zwei Stunden braucht unser Airbus 320 der SWISS wohl jetzt noch bis Zürich. Zeit also für einen ersten Rückblick auf die vergangenen neun Tage in Sankt Petersburg, die wie im Fluge vergangen sind. Damit soll es freilich nicht sein bewenden haben, wenn ich wieder daheim bin, will ich auf diesem Blog schon noch weiter schreiben. Es gibt einfach so viel zu erzählen von diesen spannenden Tagen. Zum Beispiel dies:

Es ist kalt an diesem zweiten Abend, als wir an der Station Gostiny Dwor aus der Metro steigen. Der Newski Prospekt, seit eh und je Sankt Petersburgs Prachtstraße, ist hell erleuchtet. Schon ein paar Meter weiter spielt eine junge dreiköpfige Band in der (für uns) bitteren Kälte heiße Rhythmen.

Hit the Road Jack“ — Ray Charles‘ Hit aus dem Jahre 1961 reißt auch heute noch mit, vor allem wenn er mit solch herrlichem Groove wie von diesen jungen Leuten interpretiert wird. Nach ein paar Versen wechselt der Sänger in die russische Sprache, macht einen Rap oder HipHop draus (so stilsicher bin ich nicht, dass ich das bis in die letzte Feinheit blicke). Ich verstehe kein Wort, nur bei „Nawalny“ merke ich auf.

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„Hit the road, Jack“ auf dem Newski-Prospekt

Singt er nun über den im Westen sehr bekannten Oppositionellen? Oder über etwas anderes? Ich glaube eher Ersteres, denn im Online-Lexikon auf meinem iPad  finde ich keine Übersetzung für dieses Wort. Auf jeden Fall geht das Publikum  (überwiegend jung) begeistert mit. Und für mich ist es auch relativ gleichgültig.

Aber schon hier zeigt sich etwas, dass mich meinen ganzen Besuch über begleiten soll: Nicht nur auf dem Newski Prospekt, sondern überall, wo wir hinkommen, ist die Stimmung eine ganz andere als bei meinem letzten Besuch vor 15 Jahren. Damals lag noch die bleierne Schwere der turbulenten Jelzin-Jahre über der Stadt, in denen sich der Turbo-Kapitalismus von seiner übelsten Sorte zeigte.

Ob das mit dem Kapitalismus jetzt groß anders ist, kann ich nicht beurteilen, aber die Atmosphäre hat sich durchaus geändert. Man kann die Leichtigkeit des Petersburger-Seins durchaus spüren, und ich empfinde das sogar irgendwie natürlicher als in so mancher Großstadt im Westen, wo vieles schon so erzwungen wirkt: Man will locker sein, weil man locker sein muss. Egal, wie es einem geht. Dieses Gefühl habe ich hier nie.

Wer gut essen will, findet hier in Petersburg ein reiches Angebot an diversen Küchentraditionen – vom russischen und ukrainischen Essen über Leckeres aus Georgien und Armenien bis hin zu indischen Köstlichkeiten. Und überall, wo wir hingingen, war die Qualität hervorragend. Die Supermärkte sind gut bestückt, es scheint für die, die nicht zu den Armen zählen, alles zu geben.

Nur politisch ist man sehr sehr zurückhaltend. Darüber wollen alle Generationen erkennbar nicht reden. Eine 93-jährige Frau sagt freilich zu mir: „Ich habe viel erlebt. Aber so gut wie jetzt ging es uns noch nie.“

Das sollte uns im Westen zu denken geben. Den Petersburgern von heute geht es wohl so wie den Deutschen und Österreichern im Biedermeier. Man hat genug von Krieg und Turbulenzen, man will überleben und dann erst mal leben. Und in Ruhe gelassen werden. Egal, wer da oben regiert. Spitzweg an der Newa.

Wohlgemerkt: Das fällt mir auf. Ich beurteile das jetzt weder negativ noch positiv. Was mir auch auffällt: Unter den Sanktionen, die die EU und ihre Mitgliedsstaaten gegen Russland verhängt haben, leiden offenkundig nicht die Oligarchen, die weiter ihre Maybachs fahren und sich Brilliantcolliers um den Hals hängen, sondern die Ärmeren und Armen, die im Supermarkt keinen Käse aus der EU mehr finden und deswegen den erleichterten Grenzverkehr nach Finnland nutzen müssen um sich bei einer Tagesreise mit einem kleinen Vorrat einzudecken. „Hamsterfahrten“ hat man das wohl bei uns nach dem Krieg genannt.

Und dann kommt mir in den Sinn: Schon Peter der Große hatte diese Stadt ja als „Fenster zum Westen“ gegründet. Sein Wunsch ist heute noch aktuell und zur Wirklichkeit geworden. Die Russen schauen raus. Offenkundig gerne. Nie haben wir ein böses Wort über die Schrecken des Krieges gehört, sondern stets große Freundlichkeit gespürt.

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Die Feuerschale auf dem alten Leuchtturm zeigte den Seefahrern aus dem Westen früher den Weg an.

Mir wird bewusst: Auch wir sollten dieses Fenster nutzen. Und reinschauen. Und zwar ohne Vorurteile. Sondern unbelastet auf die Menschen und dieses Land blicken.

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Mein Reiseführer-Tipp: Auf Marcus X. Schmid und den Michael Müller Verlag kann man sich verlassen.

Sankt Petersburg 2018 (3): Frühstück

„Was hast Du denn da gegessen?“ — diese Frage zählt zu den beliebtesten, wem man aus einem Urlaub zurückkehrt. Was ja auch verständlich ist, denn Essen und Trinken hält ja Leib und Seele zusammen.

Alsdann, hier ist unsere Antwort: Unser Zimmer im Petro Palace Hotel haben wir ohne Frühstück gebucht. Wir wollen da nicht so gebunden sein und lieber schon am Morgen die Atmosphäre der Stadt schnuppern.

Und es ist ja keineswegs schwierig, Alternativen zu finden. Binnen fünf Gehminuten finden sich jede Menge Alternativen. Bisher haben wir uns auf drei beschränkt, die auch von Marcus X. Schmid in seinem hervorragenden Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag empfohlen wurden.

Am weitesten entfernt (wie gesagt: fünf Minuten) ist das Café Stolle, gleich am Beginn des Newski Prospekt, damals wie heute die Prachtstraße St. Petersburgs. Hier soll der alte Glanz der Zarenmetropole wieder auferstehen, das Interieur lehnt sich sichtlich an den Wiener Kaffeehausstil an, und ich stelle mir vor, dass auch der Name aus der Zeit entlehnt ist, in der deutschstämmige Menschen einen Großteil der Bevölkerung dieser Stadt ausmachten.

Nostalgie auf Russisch: das Café Stolle am Newski Prodpekt (im Vordergrund Elisabetha).

An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos der zaristischen Stadt, und auf der Speisekarte wird denn auch darauf hingewiesen, dass die Rezepte noch aus der vorrevolutionären Zeit stammen (heute wohl ein gutes Verkaufsargument).

Am Sonntagmorgen war das Personal noch nicht gerade in Hochform, die Bestellung ziemlich kompliziert. Am Donnerstag aber ist Elisabetha da, sehr motiviert, sehr freundlich, sehr fröhlich, aber auch sehr frustriert und verzweifelt, als Christines Omelett mit Gemüse so lange auf sich warten läßtl, dass man den Eindruck hat, als müsse erst noch gewartet werden, bis die Henne das nötige Ei gelegt hat. Eher postrevolutionär also, und der Jungens Frau, die eine amerikanische Schule in der Schweiz besucht hat und sehr gut Englisch spricht, ist das sichtlich peinlich. Auf jeden Fall schaut sie nicht mehr wie zuvor freundlich zu uns her, sondern hartnäckig in die andere Richtung, bis sie sogar in der Küche verschwindet und dann freudestrahlend mit dem Objekt der Frühstücksbegierde wieder auftaucht.

Ich bin da schon längst fertig. Ich hatte mich wie schon am Sonntag für die Spezialität des Hauses entschieden: Piroggi. Einmal in der süßen Variante (mit Johannisbeeren), einmal deftig (mit Kraut und Ei) drin. Beides schmeckt prima. Auch die Kohlsuppe, die beim zweiten Besuch die Süße des Kaffeehauslebens ersetzt, ist durchaus wohlschmeckend. Mit Tee und Kaffee kostet das übrigens alles zusammen knappe 12 Euro.

Gut Ding will Weile haben: das Gemüse-Omelett im Café Stolle.

Eine Preisklasse drüber liegt das Gosti, das unserem Hotel am nächsten liegt (ebenfalls in der kleinen Meerstraße Straße/Malaya Morskaya). In der Vitrine ist unübersehbar, dass hier begeisterte Konditoren am Werk sind. Die meisten Russen greifen denn auch zu Kuchen, Torten, süßen Stückle — auch das sieht alles super-lecker aus. Christine entscheidet sich für Kascha (englisch: Porridge), also Haferbrei mit Preiselbeer-Marmelade. Ich lasse mir Blini (Schwäbisch: Flädle), gefüllt mit Schinken und Käse, munden. Und weil´s Valentinstag ist, kredenzt das Haus als Geschenk zwei liebevoll dekorierte Zuckerherzen. Preis (inklusive großer Kanne Tee plus zwei Kaffee): rund 20 Euro. Wobei die Einrichtung aber wirklich außergewöhnlich schön und geschmackvoll ist und sich vom Durchschnitt weit abhebt).

Christine schmeckt das Kascha (Porridge/Haferbrei) im Gosti prima.

Zum Valentinstag gab´s im Gosti ein Zuckerherz.

In der Mitte der beiden liegt das Busche (auch hier vermute ich einem deutschen „Urvater“). Hier herrscht das pulsierendste Leben, subjektiv gibt es hier auch den größten Anteil an Russen (wobei ich mich bei den etwas älteren Frage, welcher Arbeit die denn nachgehen, wenn sie wie wir um 10 noch beim Frühst der sitzen können; manche telefonieren nebenher oder tippen ins iPad, es könnten also Geschäftsleute sein).

Hier wird erstmal nicht serviert, man muß zur Bestellung an die Theke. Christines Milchreis und mein Omelett mit Kirschtomaten und Spinat (dafür, dass ich eigentlich gar kein Omelett mag, wirklich gut) werden dann aber (anders als die Getränke) an den Tisch gebracht. Da das Busche über den ganzen Tag hinweg sehr gut besucht ist, ist es auch ideal für Zeitgenossen, die gern anderes Menschen beobachten.

Herausragend ist auch das Brotangebot — zu sowjetischen Zeiten wäre diese Vielfalt undenkbar gewesen. Und auch mir läuft, wenn ich an der stets von Einheimischen, die sich etwas mit nach Hause nehmen wollen, reich bevölkerten Verkaufstheke vorbei gehe, immer das Wasser im Munde zusammen. Das Preis-Niveau entspricht in etwa dem von Stolle: rund 12 Euro.

Die Verkaufstheke im Busche ist reich bestückt und stets umlagert.

Alle drei Alternativen in unserer Umgebung verdienen sch also recht gute Noten. Für passionierte Kaffeehausgänger muß indes etwas Wasser in den Wein (respektive den Kaffee) gegossen werden: Einen richtig guten Morgentrunk dieser Art hab ich bislang vergebens gesucht. Vom Kaffeehaus-Hocker hat mich keiner gerissen.

Mein Reiseführer-Tipp

Sankt Petersburg 2018 (1): Der erste Tag

15 Jahre sind es nun schon her, seit ich das letzte Mal in St. Petersburg war. Fast ein Dutzend Jahre, als ich mit Frieder Alberth zuletzt Aids-Projekte in der Ukraine besuchte. Das fällt mir auf, als ich im Januar 2018 unsere Visa für Russland beantrage. Eine lange Zeit also, die ich nicht mehr in diesem von mir geliebten Teil Osteuropas war.

Aber das soll sich ja jetzt ändern. Voller Vorfreude machen Wirkung auf den Weg, sind schon gespannt, was uns erwartet. Und der exzellente (von Marcus X. Schmid verfasste) Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag macht uns so richtig Lust auf die Stadt an der Newa.

Die erste Reise dorthin habe ich ja mit dem Zug gemacht. Vor 20 Jahren hatte ich noch Flugangst. Heute brauche ich aber keine zwei Tage mehr dorthin. Ich steige nun (wenn auch nicht gerade euphorisch) in Stuttgart in die Swiss-Maschine, und nach einem dreistündigen Zwischenstopp in Zürich sind wir in abermals drei Stunden in Russland. Als wir in Pulkovo aus der Maschine steigen, denke ich: „Das war einer meiner schönsten Flüge.“ Es kann sich also auch etwas zum Guten verändern im Leben.

Da macht es auch nichts aus, dass die Dame an der Passkontrolle das alte grimmige Gesicht der Sowjetunion zeigt. Heute kann man über das lächeln, was einen damals ärgerte. Auch das ist eine Wende zum Guten.

Zudem: Der Taxifahrer(übrigens ein Inder, der von der Freundlichkeit der Russen schwärmt), den wir über Lingo Taxi bestellt haben, erwartet uns schon. Und bringt uns zu einem fairen Preis (etwa 22 Euro) zu unserem Domizil, dem Petro Palace Hotel. Auch hier werden wir herzlich empfangen, und von unserem geräumigen Zimmer im siebten Stock blicken wir auf die schneebedeckten Nachbarhäuser.

Der Blick aus unserem Fenster im Petro Palace Hotel

Wir sind nach der kurzen Nacht (um 2.45 Uhr Aufstehen) hundemüde, aber hinlegen? Das geht dann doch nicht!

Also erst mal raus, die Atmosphäre an diesem eher grauen Tag schnuppern! Hinein ins pulsierenden Leben – wir wohnen im Herzen der Stadt. Einfach toll!

Allerdings hab ich mich verschätzt: Nach meiner Erinnerung gab es an allen Ecken und Enden Wechselstuben – aber denkste!

Doch die vergebliche Suche führt uns ja auch an herrlichen Ecken vorbei. Das Jugendstil-Gebäude an der Roten Brücke über die (zugefrorene) Mojka ist renoviert und ein nobles Kaufhaus (Au Pont Rouge) mit Café im Erdgeschoss. Und da darf natürlich der russische Bär und die Matroschkas, die immer eine neue (russische) Mutti aus ihrem Bauch zaubern, nicht fehlen.

Bezaubernder Jugendstil: Au Pont Rouge

Unsere erste Begegnung mit Mischa, dem russischen Bären, und den Matroschkas

Aber nachdem wir uns mangels Rubel nicht einmal einen Kaffee leisten können, marschieren wir dann doch ins Hotel Renaissance in der Nähe der Isaaks-Kathedrale und bekommen einen aus meiner Sicht fairen Kurs (68,9 Rubel für einen Euro statt der 55,1, denen ich mich am Airport dann doch verweigert habe).

Mittlerweile ist es schon nach 18 Uhr (zwei Stunden später als daheim), und da wollen wir dann doch endlich was essen. Der Magen knurrt halt. In der Nähe ist ein Lokal mit dem typisch russischen Namen Paparazzi. Passt ja auch für einen Journalisten. Nach der Beschreibung im Reiseführer hätte ich gedacht, dass die Kellerbude brechend voll ist. Aber wir sind am frühen Samstagabend die einzigen Gäste.

Doch in seinem Urteil hat Marcus Schmid recht. Christine isst Soljanka, ich Pilzsuppe, später Blini (Christine mit Lachs, ich ökologisch unkorrekt mit Kaviar) – alles prima. Und wenn wir schon mal beim Inkorrekten sind – ich trinke Weißwein von der Krim…

Christine ist begeistert von der Soljanka – und ich von meiner Pilzsuppe

Meine (politisch-ökologisch inkorrekten) Blini mit Kaviar.

Was mich auch tief im Herzen freut: Ich spreche so gut wie kein Russisch, die junge Kellnerin so gut wie kein Englisch und rein gar kein Deutsch. Und dennoch kommt eine Konversation zustande, zum Teil zwar mit Händen und Füßen, aber wir verstehen uns doch prima. Sie freut sich, wenn ich ein paar rudimentäre Worte auf Russisch zu ihr sage, auch wenn meine grammatikalische und aussprachetechnische Fehlerquote gewiss im höchsten zweistelligen Prozentbereich liegt. Ich freue mich, wenn sie mir den riesigen Lachs aus Rußland (ihre Hände gehen so weit auseinander, dass man meint, sie beherrscht perfekt das Anglerlatein), den köstlichen Wein von der Krim und das gesunde Mineralwasser aus Georgien in höchsten Tönen anpreist.

Mir schießt durch den Kopf: Auch Russland gehört zu Europa. Zumindest Sankt Petersburg…

Und ich bin dankbar für diesen Tag.

Erlebt am 10. Februar 2018

Geschrieben am 11. Februar 2018

Mein Reiseführer-Tipp

Via Pensionista (18): Rifugio Cauriol – Bivacco Paolo e Nicola

Optimal war die Nacht im Rifugio Cauriol nicht. Mit dem einfachen Massenlager und dem Wendeltreppensteigen im Dunkeln komme ich auf meiner Via Pensionista eben doch nicht so zurecht, Zudem verheißt der Wetterbericht nichts Gutes: Spätestens um 15 Uhr soll es regnen, und wie immer auf der Translagorai, für den uns Bergführer Alessandro Beber tolle Tipps gegeben hat, haben wir eine lange Etappe vor uns. Wir müssen uns also sputen. Früh raus.

Der Wirt vom Rifugio Cauriol lehnt es zunächst ab, uns schon um 7 Uhr ein Frühstück zu servieren. Kann ich irgendwie auch verstehen. Sein Lokal ist so beliebt, daß auch Gäste vom Tal zum Abendessen hochfahren. Und die haben nun mal mehr Sitzfleisch als Wanderer, die am nächsten Morgen früh weg müssen.

Die zwei jungen Damen, die das Nachtlager mit uns geteilt haben, haben allerdings die glänzende Idee, bei der Nachbaralm, der Malga Sadole, anzufragen, ob da nicht was mit einem Frühstück drin wäre. Und in der Tat: Das klappt. Und der eigene Käse schmeckt  zum Milchkaffee auch ganz prima.  Kein Zweifel: Kulinarisch ist das ein ganz hervorragendes Plätzchen hier.

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Ein toller Platz (nicht nur fürs Frühstück): die Malga Sadole.

Wir müssen der Versuchung widerstehen, in aller Gemütlichkeit erst einmal sitzen zu bleiben (wobei Christine wie immer um diese Uhrzeit viel willensstärker ist als ich). Aber es hilft nichts: Wir müssen auf die Piste. Auch wenn sie (mal wieder) nicht meinen Lieblingsprofil entspricht: Es geht erst einmal hinein in eine enorme Steigung. Die jungen Leute, die nur kurz vor uns gingen (jetzt mit männlicher Verstärkung), rücken immer mehr aus unserem Blickfeld, bald sind sie entschwunden.

Dafür begegnen uns zwei Weidmänner. Offensichtlich eine Tirol-italienische Jagdgemeinschaft (es freut mich, daß das nach all dem sinnlosen Töten hier an der Alpenfront wieder möglich ist). „Wir gehen auf die Gams“, erzählen Sie uns und blicken wie wir prüfend zu den  schwarzen Wolken nach oben. Als wir sagen, wohin wir wollen, bekommt der eine einen Gesichtsausdruck, der nicht unbedingt Zuversicht in mir auslöst: „Zum Biwak? Das ist noch sehr weit!“

Und dennoch sammeln wir tapfer Höhenmeter um Höhenmeter. Die 620 bis zu unserer ersten Scharte, der Forcella di Canzenagol auf 2220 Meter schaffen wir bemerkenswert leicht, das Wetter sieht auch gar nicht slo mies aus, und so nehmen wir uns auch Zeit für ein Selfie in dieser herrlichen Natur.

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Beim Selfie war das Wetter noch schön.

Eine halbe Stunde später treffen wir jedoch eine Fehlentscheidung: Wir bldeiben nicht auf dem unteren Weg 439B, sondern nehmen den auf der Karte kürzeren. 439. Ohne B. Und der führt nicht nur am Lago Brutto vorbei, sondern ist auch brutto (der italienische Ausdruck für „schlimm“). Der See selbst ist sehr idyllisch, aber das kann ich kaum genießen, da direkt dahinter ein fast senkrechter Aufstieg wartet.

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Vom Lago Brutto geht es brutto (schlimm) hinauf.

Da geht es nicht etwa in den von mir so sehr geliebten Serpentinen bergauf – sondern fast durchweg in der Direttissima. Ich komme gewaltig ins Schnaufen, zumal ich ja immer die Wettervorhersage im Hinterkopf habe. Und die Uhr tickt.

Oben auf der Moregna-Scharte wird dann der Frust noch größer, weil uns bewußt wird, daß der Kampf auf fast 2400 Meter im Grunde für die Katz war: Denn danach müssen wir von der Forcella di Morgen wieder 160 Höhenmeter hinunter, um auf denselben B-Weg zu treffen, auf dem wir schon mal waren. Für alle, die planen, ebenfalls die Translagorai zu gehen, daher der Tipp: Wenn man nicht unbedingt Höhenmeter sammeln möchte – besser unten bleiben, der Weg ist weit genug.

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Hier wird dann aber das Wetter zunehmend mieser. Zu den Wolken gesellt sich ein kalter Wind, der Unheil ankündigt. Und nun wandre – besser: haste – ich voran. Nach den Erfahrungen der ersten Translagorai-Etappe habe ich keinen Bock, schon wieder triefend naß in einem Notquartier anzukommen.

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Nach der Moregna-Scharte wird das Wetter immer mieser.

Und tatsächlich: Während der letzten Steigung zum Bivacco Paolo e Nicola auf 2180 Metern an der Valmaggiore-Scharte winkt mir eine der jungen Damen fröhlich von der Hüttentür aus zu. Wir haben es geschafft! Rechtzeitig!

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Ein erstaunlich gemütliches Quartier: das Bivacco Paolo e Nicola.

Als wir durch die Tür gehen, sind wir baff erstaunt: Kein Vergleich zu unserem ersten Biwak kurz vor dem Manghen-Pass! Alles sauber. Die Ausstattung ist top. Es gibt sogar Essensvorräte (die wir nicht  in Anspruch nehmen, sondern unseren eigenen Käse-Vorrat, den wir auf der Sadole-Alm mitgenommen haben, gleich vervespern). Es gibt genügend Holz zum Heizen. Auch wenn Decken fehlen: Unsere Schlafsäcke tun  es auch. Und so erleben wir das am Abend hereinbrechende Gewitter in wohliger Wärme und Gelassenheit.

Gegangen am 19. August 2017

Geschrieben am 10. September 2017

Start: 7.45 Uhr

Ziel: 15 Uhr

Höhenunterschied: 1160 Meter auf, 400 Meter ab

Übernachtung: Bivacco Paolo e Nicola; Notunterkunft, aber gemütlich und gut ausgestattet; keine Decken; Frischwasserquelle etwa fünf Minuten entfernt.

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Informationen über das Wandern in den Lagorai unter www.visitvalsugana.it

Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de

Via Pensionista (17): Rifugio Malga Conseria – Rifugio Cauriol

Kommando zurück! So heißt es am nächsten Morgen. Aber dass stört uns nicht sehr. Zwar müssen wir auf der Strecke, die mir der hochkompetente Bergführer Alessandro Beber für meine Via Pensionista durch die Lagorai empfohlen hat, vom Rifugio Malga Conseria bmehr als eine Stunde den Weg zurück über den Passo Cinque Croci zur Alpe Cion.

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Auf dem Passo Cinque Croci (Fünf-Kreuze-Pass)…
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… verabschiedet sich Christine von ihren Freunden.

Aber wir freuen uns schon auf diese herrliche Landschaft und sind gespannt, was wir denn heute so Neues entdecken.

Zunächst geht es einmal bergab. Die Hüttenwirtin von der Malga Conseria hat schon recht: der Weg ist sehr schwer zu finden, weil die Markierungen miserabel und zudem hier nur wenige Wanderer unterwegs sind. Aber gerade das ist ja das Schöne an einer Tour durch die Lagorai. Wir genießen die herrliche Landschaft und erfreuen uns auch an der Schönheit des Verfalls.

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Ja, so etwas kann es tatsächlich auch geben. Zum Beispiel in Form einer verfallenen Almhütte, aus der ein Strauch mit roten Beeren rankt und hinter der sich der Blick in die Weite der Wiesen öffnet.

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Kurz dahinter stoße ich auf ein schlichtes Holzkreuz. „Zur Erinnerung und Dankbarkeit“ steht auf Italienisch dort geschrieben, und irgendwie zieht mich das magisch an. Ich setze mich auf ein Holzbänkle daneben, genieße die Sonne und das Geräusch der mich umschwirrenden Bienen.

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Und plötzlich bin ich ganz bei mir und in mir. Kann die Stelle regelrecht körperlich spüren, fühle mich ganz daheim in dieser Landschaft und in mir selbst auch. Das sind die Momente, die einem nur eine Wanderung durch die Berge schenken kann. Das ist zumindest meine Meinung.

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Wo wir heute rasten, tobte vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg.

Und in der Tat sind wir ja auf dem Friedensweg unterwegs. Daß es da nicht nur um meinen inneren Frieden geht, spüre ich schon etwa eine halbe Stunde später auf dem knapp 2000 Meter hohen Passt Cupola: Das erste im Vorjahr aufgestellte Kreuz wird vom Stacheldraht umwunden, der vor hundert Jahren vom Ersten Weltkrieg sich diese herrliche und damals wie heute zutiefst einsame Gegend durchzog und durchtrennte.

Es ist Mittag, und wir packen die Jause aus. Nach ein paar Minuten kommen tatsächlich doch noch zwei Leute über die Passhöhe: Vater und Sohn auf der Pilzsuche. Pfifferlinge haben sie ausreichend gefunden, aber mit Steinpilzen hapert es heuer, sagen sie. Zu trocken, das Jahr 2017. Im Prinzip sei dies aber hier eine tolle Pilz-Gegend. Die beiden haben übrigens einer Fabrik, die Mehltüten für Getreidemühlen herstellt. Sie liefern auch in schwäbische Lande. So klein ist die Welt.

So nett die Unterhaltung war: Wir müssen jetzt weiter. Denn die Etappen auf dem Translagorai (wie die Weitwanderung durch dieses Gebirge genannt wird) sind nicht gerade kurz. Die Übernachtungsmöglichlkeiten liegen weit auseinander.

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Der Weg zum Passo Sadole kostet viel Kraft.

Und wir müssen auch noch hoch zum Passo Sadole. Der ist im Prinzip mit 2066 Höhenmetern gar nicht so wild, aber die lange Strecke fordert eben doch ihren Tribut: Christine kämpft mit Unterzucker, jetzt gegen Abend pfeift noch ein kalter Wind übers Joch, und so suchen und finden wir Unterschlupf in der Ruine einer (vermutlich österreichischen) Militärstellung aus dem Ersten Weltkrieg. Selbst Arco ist erschöpft und bettet sein Haupt auf einen Stein in der einstigen Soldatenstube.

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Auch ein Vierbeiner muß sich mal erholen.

Ja, der Krieg begleitet einen hier auf Schritt und Tritt. Ein Wegweiser macht darauf aufmerksam,. wo einst der Österreicher-Pfad zur Front verlief. Wir profitieren nun von der Wegebaukunst der Tiefgbauingenieure von damals. Ich preise die Segnungen der Erfindung der Serpentinen, über die wir zwar langsam, aber doch bequem über 450 Höhenmeter Gefälle drunten auf der Pian delle Maddalene und bei der Cauriol-Hütte ankommen.

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Unser Ziel für heute: die Cauriol-Hütte.

Irgendwie passt das Quartier zu dieser militärisch geprägten Etappe: An der Decke und an den Wänden des Speiseraums hängen Fundstücke aus dem Ersten Weltkrieg, vom Essgeschirr bis zur Handgranate (für manche sicher befremdlich, für uns aber passend und informativ, weil das eben zur Geschichte der Region gehört).

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Makabre, aber eindrucksvolle Dekoration: Fundstücke aus dem Ersten Weltkrieg.

Es gibt nur einen einzigen Schlafraum (den wir uns gottseidank nur mit zwei jungen Frauen aus dem Trentino teilen müssen, die einen  Gewaltmarsch vom Manghen-Pass – !!! – hinter sich haben), und der hat kein Fenster. Hinein- und hinaussteigen muß man über eine etwa 30 Zentimeter hohe Schwelle, die nicht gerade zum Komfort beiträgt, wenn man nachts aufs Klo muß (ebensowenig wie die schmale Wendeltreppe aus Metall).

Aber was soll’s?!: Das Essen ist gut, und wir sind beide erledigt genug, um allen Widrigkeiten zum Trotz auch gut zu schlafen.

Gegangen am 18. August 2017

Geschrieben am 6. September 2017

Start: 9 Uhr

Ankunft: 18.30 Uhr

Höhenunterschied: 400 Meter auf, 800 Meter ab

Übernachtung: Rifugio Cauriol; traditionsreiche Hütte, gute regionale Küche (Minestrone war laut Christine allerdings suboptimal); aber sehr einfache Schlafräume; sehr informative Ausstellungsstücke zu den Kämpfen am Monte Cauriol während des Ersten Weltkriegs; baitamontecauriol.it; Alternative: die gegenüber liegende Alm Malga Sadole (Übernachtung gratis, aber nur im Militärzelt; Frühstück aber prima).

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Informationen über das Wandern in den Lagorai unter www.visitvalsugana.it

Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de

Via Pensionista (16): Bivacco al Mangheneto – Rifugio Malga Conseria

Einen Vorteil hat eine miese Nacht: Man kommt auch früh wieder los. Und so haken wir die Unbequemlichkeiten einfach ab. Los geht’s!

Gefrühstückt haben wir nichts. Aber das ist auch nicht weiter schlimm. Schon nach 50 Minuten erreichen wir das erste Zwischenziel: die Manghen-Hütte, von der ich in meiner Unbedarftheit beim schnellen Blick auf die Karte ursprünglich gedacht hatte, wir könnten dort übernachten. Gottseidank hat mich Lorenzo, der Wirt vom Rifugio Sette Selle, am Morgen davor aufgeklärt, daß dem keineswegs so ist.

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Auf der Manghen-Hütte gönnen wir uns ein gutes Frühstück.

Aber wenigstens  hat die Manghen-Hütte früh genug geöffnet, um dort ein Frühstück genießen zu können. Zum überraschend guten Café Latte (respektive Latte Macchiato) lasse ich mir einem Apfelstrudel schmecken (mir fällt auf, das ich davon auf meiner Via Pensionista sehr viel esse, nachdem ich diesem Gebäck ansonsten eher abhold bin), Christine schüttet ihre Haferflocken in die warme Milch.

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Beeindruckendes Naturdenkmal: „der Ewige“ steht unerschütterlich.

Auf jeden Fall sind wir gut gestärkt für den Weiterweg auf der herrlichen Route, die mir der hoch kompetente Bergführer Alessandro Beber vorschlagen hat. Schon nach einer guten Viertelstunde, noch vor dem Lago delle Buse, fasziniert mich ein Naturdenkmal: ein alter Baum, der seine Nadel komplett verloren hat. Aber seine Wurzeln, die er im Laufe der Jahrhunderte um einen mächtigen Felsblock gewunden hat, halten ihn dennoch fest. Stramm steht er da, unerschütterlich, sturmgeprüft, obwohl er aus menschlicher Sicht so etwas wie ein  Glatzkopf ist, wirft ihn so schnell nichts um. Ein schönes Bild, das mir die Natur da vor Augen gestellt hat. „L’Eterno“ („Der Ewige“) haben ihn die Einheimischen getauft. Und den Namen verdient er auch.

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Romantische Spiegelungen in den klaren Teichen des Lagorai – hier im Lago delle Buse.

Es ist wieder mal ein herrlicher Tag, wir können uns nicht satt sehen an diesem für uns so unbekannten Gebirge, das sich im Lago delle Buse (und vielen anderen mal größeren, mal kleineren) Teichen widerspiegelt, ein verrottender Baumstamm in den Moorwiesen kommt einem vor, als habe sich ein Krokodil dorthin verirrt.

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Ein Krokodil in den Moorwiesen? Nein, nur vermodernder Baumstamm.

Die Zeit verrinnt wie im Fluge. Besser gesagt: Wir merken gar nicht, wie sie auf der Translagorai, wie dieser Wanderweg heißt, vergeht. Ob sie still steht, verschwindet oder gar nicht existiert – wer kann dies in einer solchen Natur, in einer solchen Stimmung denn schon sagen? Und es spielt letztlich ja auch gar keine Rolle.

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Auf der Forcella di Valsorda pfeift der Wind kalt.

Erst lang nach Mittag meldet sich an der Forcella di Valsorda meldet sich auf 2256 Meter der Hunger. Und der kühle Wind, der uns bei der Jause umweht, macht uns so richtig bewusst, daß es schon relativ spät ist und noch ein gehöriges Stück Weges vor uns liegt.

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Vor dem letzten Wegstück auf dem Passo Val Cion  nochmal die Seele baumeln lassen.

Aber das ist gottseidank nicht allzu schwierig. Erst müssen wir zu den unteren Buse-Seen (hier heißt irgendwie alles Buse), dann wieder leicht hinauf zum Passo Val Cion (2076 Meter). Aber alles hält sich in Grenzen, nicht weiter schlimm. Und wir bewundern, wie drunten an den Hängen des Ornelle-Tales zwei Boarder-Collies ihre Kühe mit spielerischer Leichtigkeit hinüber zur Valsorda-Alm treiben (und der Hirt tut es ihnen federnden Schrittes gleich). Ich nehme mir trotz relativ später Stunde die Zeit zum Genießen. Lege mich hin, stelle die Beine auf und lasse die Seele baumeln.

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Vom Fünf-Kreuze-Pass ist es nicht mehr weit bis zum Ziel.

Der Forstweg hinüber zum Passo Cinque Croci (Fünf-Kreuze-Pass) bereitet nicht die geringsten Schwierigkeiten. Und hier erleben wir das zweite Schäfer-Schauspiel: Diesmal werden Schafe in Windeseile so um die 200 Höhenmeter fast vom Gipfel des Col di San Giovanni hinunter zu den Fünf Kreuzen (auf 2018 Metern) getrieben. Kaum zu glauben, wie schnell das gehen kann.

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An der Malga Conseria starben im Ersten Weltkrieg viele junge Leute: Auf dem Soldatenfriedhof wehen nun die italienische und die österreichische Fahne.

In der herrlichen Abendstimmung steigen wir hinab zur Rifugio Malga Conseria auf 1848 Metern. Unsere Euphorie wird kurz vor unserem Nachtquartier etwas gebremst: Ein Soldatenfriedhof erinnert daran, daß vor hundert Jahren hier auch Menschen zuhauf starben. Die Italiener wollten den Fünf-Kreuze-Pass stürmen, die Österreicher verhinderten dies (ebenfalls unter schweren Verlusten). Es gab keinen „Sieger“. Wie gut, daß jetzt über den Holzgräbern auf dem kleinen Soldatenfriedhof bei Flaggen gemeinsam wehen…

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Das Rifugio Malga Conseria überrascht uns sehr angenehm: Erst vor kurzem wurde die einstige Almhütte umgebaut. Die Wirtsleute sind sehr freundlich, Frau Wirtin kocht hervorragend (zum Beispiel eine ganz frische Zucchinicremesuppe), Anna, die sich als Bedienung ein paar Kreuzerle für ihre große Reise hinzuverdient, die sie nach dem Abi machen möchte, übt mit uns Deutsch-Sprechen (und kann das besser, als sie selbst meint), wir schlafen prima – und selbst die Hunde verstehen sich prima (die Selbst-Bezeichnung „dogfriendly“ trifft hier tatsächlich zu) und teilen sich eine Wasserschüssel.

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Gemeinsam schmeckt es einfach.

Gemütlich und zufrieden mit der eigenen Leistung klingt der Tag aus. Wanderer-Herz – was begehrst Du mehr?

Gegangen am 17. August 2017

Geschrieben am 4. September 2017

Start: 7.30 Uhr

Ankunft: 17.30 Uhr

Höhenmeter: 440 Meter auf, 660 Meter ab

Übernachtung: Rifugio Malga Conseria; vor kurzem renoviert; sehr schöne Zimmer; freundliche Wirtsleute; gute regionale Küche; www.rifugioconseria.it; Informationen über das Wandern in den Lagorai unter www.visitvalsugana.it

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Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de