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St. Petersburg 2018 (5): Der verlorene Sohn

In Kursen wie „Kreatives Schreiben“ ist eine der beliebtesten Übungen: Einfach mal drauflosschreiben. Was einem gerade spontan einfällt. Nicht nachdenken! Alsdann, probieren es mal aus:

Es ist der 13. Februar 2018. Wir besuchen die Eremitage. Ich sitze vor Rembrandts Gemälde „Der verlorene Sohn“, das mich schon vor 15 Jahren fasziniert hat. Und schaue mal genau hin.

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Das ganze Bild: Rembrandts „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ (geschaffen 1663 bis 1669)

Fast alles ist dunkel. Nur zwei sind im Licht. Nicht nur der Vater. Sondern auch der Sohn. Der verlorene.

Zwar nicht so stark. Und auch nicht ganz. Aber das müde, abgekämpfte Haupt, das sich gegen des Vaters Bauch drückt, schon. Er fühlt sich geborgen.

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Erschöpft und geborgen: der verlorene Sohn.

Helligkeit umfängt auch seinen Nacken – in alten Zeiten sauste dort das Schwert des Scharfrichters nieder.

Und die segnenden Hände des Vaters auf Schulter und Rücken. Sie ruhen. Alle zehn Finger berühren. Er berührt. Der Sohn ist berührt. Und sicher auch gerührt.

Das Gesicht des Vaters? Auch müde, abgekämpft. Als wollte er sagen: „Ach, Bub! Warum hast Du Dir so lange Zeit gelassen?“ Kein Vorwurf spiegelt sich darin. Nur tiefes Mitleid.

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Das Gesicht des Vaters: auch er ist müde und abgekämpft.

Vielleicht auch Fragen: „Habe ich was falsch gemacht?Was hab ich falsch gemacht? Wie fühlt mein Bub sich jetzt? Hoffentlich nicht erniedrigt. Verzweifelt sicher. Aber das muß doch nicht sein!

Ich hab ihn doch lieb! Ich hatte ihn doch immer lieb – egal, welche Flausen er im Kopf hatte und egal, was er angestellt hatte. Hat er das nie gespürt? Warum? Oder hat er das nie spüren wollen? Warum?

Geld bin ich ihm nicht schuldig geblieben. Aber vielleicht anderes. Was nutzt mir mein prächtiger Armreif, wenn mein Sohn für sich verloren ist? Auf jeden Fall: Mein Mantel im Rot der Liebe umhüllt auch ihn. Er gehört zu mir. So, wie es immer war.

Steh auf, mein Junge! Du mußt nicht vor mir knien! Vor mir doch nicht!

Steh auf und schau mir in die Augen! Dann siehst Du: Du warst vielleicht verloren, ich hab Dich vielleicht verloren – aber das zählt nicht.

Du warst auch geborgen, bist geborgen und wirst immer geborgen sein. Vertrau darauf!

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Nur noch ein halber Schuh…

Du hast nur noch einen halben Schuh. Aber das macht nichts! Du hast wieder Boden unter Dir, festen Boden. Du bist getragen, auch wenn Du ins Wanken gekommen bist. Es geht weiter. Geh weiter! Mit oder ohne Schuhe – egal! Meine Hände sollen Dir keine Last auf den Schultern sein. Sie schenken Dir Wärme. Wärme, die nie vergeht. Denk dran, wenn ich mal nicht mehr da bin!“

***

Wer sind die Leute im Hintergrund? Wer ist die Frau? Ist es die Mutter? Warum ist sie so weit weg? Warum ist sie so im Dunkel, daß sie der Focus der Kamera kaum erfasst, immer wieder verspringt, wenn man sie fotografieren will?

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Wer ist die Frau im Hintergrund?

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Wer ist der Junge? In der Bibel ist der Bruder zornig? Ist es überhaupt der Bruder? Falls ja, scheint er sich mitzufreuen.

Dann wären ja Neid und Eifersucht überwunden, dann könnte ja die Geschichte anders ausgehen als mit Geschwistergroll. So will es ja sich das Gleichnis Jesu. Hat Rembrandt auch dies kurz vor seinem Tod ausdrücken wollen?

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Wer ist der Junge?

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Wer ist der Mann mit dem Hut? Vorhin habe ich im Audio-Guide der Eremitage gehört, dass die Holländer zu Rembrandts Zeit auch daheim in der Wohnung, in der Familie den Hut aufbehalten hätten.

Heißt das: So was kommt in allen Familien vor, selbst in den besten? Hat der Mann deswegen so einen resignierten, eher unbeteiligten Blick?

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Wer ist der Mann mit dem Hut?

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Der stehende Mann rechts trägt auch einen roten Mantel. Er schaut wohlwollend. Symbolisiert er aufrechte und aufrichtige Nächstenliebe, die Anteil nimmt und zugleich weiß, was Verlorensein und Schuld sind und Vergebung sein kann?

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Der Mann mit dem roten Mantel.

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Wo sind wir, wenn wir auf dieses Bild schauen? Und viel wichtiger: Wo und wer sind wir in diesem Bild?

Vielleicht sind wir ja irgendwie alle(s).

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Sankt Petersburg 2018 (4): Das Fenster zum Westen

Während ich dies schreibe, geht unsere Zeit in Russland schon zu Ende: Wir sind in Pulkovo gut gestartet und werden wohl bald über Estland sein. Gute zwei Stunden braucht unser Airbus 320 der SWISS wohl jetzt noch bis Zürich. Zeit also für einen ersten Rückblick auf die vergangenen neun Tage in Sankt Petersburg, die wie im Fluge vergangen sind. Damit soll es freilich nicht sein bewenden haben, wenn ich wieder daheim bin, will ich auf diesem Blog schon noch weiter schreiben. Es gibt einfach so viel zu erzählen von diesen spannenden Tagen. Zum Beispiel dies:

Es ist kalt an diesem zweiten Abend, als wir an der Station Gostiny Dwor aus der Metro steigen. Der Newski Prospekt, seit eh und je Sankt Petersburgs Prachtstraße, ist hell erleuchtet. Schon ein paar Meter weiter spielt eine junge dreiköpfige Band in der (für uns) bitteren Kälte heiße Rhythmen.

Hit the Road Jack“ — Ray Charles‘ Hit aus dem Jahre 1961 reißt auch heute noch mit, vor allem wenn er mit solch herrlichem Groove wie von diesen jungen Leuten interpretiert wird. Nach ein paar Versen wechselt der Sänger in die russische Sprache, macht einen Rap oder HipHop draus (so stilsicher bin ich nicht, dass ich das bis in die letzte Feinheit blicke). Ich verstehe kein Wort, nur bei „Nawalny“ merke ich auf.

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„Hit the road, Jack“ auf dem Newski-Prospekt

Singt er nun über den im Westen sehr bekannten Oppositionellen? Oder über etwas anderes? Ich glaube eher Ersteres, denn im Online-Lexikon auf meinem iPad  finde ich keine Übersetzung für dieses Wort. Auf jeden Fall geht das Publikum  (überwiegend jung) begeistert mit. Und für mich ist es auch relativ gleichgültig.

Aber schon hier zeigt sich etwas, dass mich meinen ganzen Besuch über begleiten soll: Nicht nur auf dem Newski Prospekt, sondern überall, wo wir hinkommen, ist die Stimmung eine ganz andere als bei meinem letzten Besuch vor 15 Jahren. Damals lag noch die bleierne Schwere der turbulenten Jelzin-Jahre über der Stadt, in denen sich der Turbo-Kapitalismus von seiner übelsten Sorte zeigte.

Ob das mit dem Kapitalismus jetzt groß anders ist, kann ich nicht beurteilen, aber die Atmosphäre hat sich durchaus geändert. Man kann die Leichtigkeit des Petersburger-Seins durchaus spüren, und ich empfinde das sogar irgendwie natürlicher als in so mancher Großstadt im Westen, wo vieles schon so erzwungen wirkt: Man will locker sein, weil man locker sein muss. Egal, wie es einem geht. Dieses Gefühl habe ich hier nie.

Wer gut essen will, findet hier in Petersburg ein reiches Angebot an diversen Küchentraditionen – vom russischen und ukrainischen Essen über Leckeres aus Georgien und Armenien bis hin zu indischen Köstlichkeiten. Und überall, wo wir hingingen, war die Qualität hervorragend. Die Supermärkte sind gut bestückt, es scheint für die, die nicht zu den Armen zählen, alles zu geben.

Nur politisch ist man sehr sehr zurückhaltend. Darüber wollen alle Generationen erkennbar nicht reden. Eine 93-jährige Frau sagt freilich zu mir: „Ich habe viel erlebt. Aber so gut wie jetzt ging es uns noch nie.“

Das sollte uns im Westen zu denken geben. Den Petersburgern von heute geht es wohl so wie den Deutschen und Österreichern im Biedermeier. Man hat genug von Krieg und Turbulenzen, man will überleben und dann erst mal leben. Und in Ruhe gelassen werden. Egal, wer da oben regiert. Spitzweg an der Newa.

Wohlgemerkt: Das fällt mir auf. Ich beurteile das jetzt weder negativ noch positiv. Was mir auch auffällt: Unter den Sanktionen, die die EU und ihre Mitgliedsstaaten gegen Russland verhängt haben, leiden offenkundig nicht die Oligarchen, die weiter ihre Maybachs fahren und sich Brilliantcolliers um den Hals hängen, sondern die Ärmeren und Armen, die im Supermarkt keinen Käse aus der EU mehr finden und deswegen den erleichterten Grenzverkehr nach Finnland nutzen müssen um sich bei einer Tagesreise mit einem kleinen Vorrat einzudecken. „Hamsterfahrten“ hat man das wohl bei uns nach dem Krieg genannt.

Und dann kommt mir in den Sinn: Schon Peter der Große hatte diese Stadt ja als „Fenster zum Westen“ gegründet. Sein Wunsch ist heute noch aktuell und zur Wirklichkeit geworden. Die Russen schauen raus. Offenkundig gerne. Nie haben wir ein böses Wort über die Schrecken des Krieges gehört, sondern stets große Freundlichkeit gespürt.

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Die Feuerschale auf dem alten Leuchtturm zeigte den Seefahrern aus dem Westen früher den Weg an.

Mir wird bewusst: Auch wir sollten dieses Fenster nutzen. Und reinschauen. Und zwar ohne Vorurteile. Sondern unbelastet auf die Menschen und dieses Land blicken.

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