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Via Pensionista (18): Rifugio Cauriol – Bivacco Paolo e Nicola

Optimal war die Nacht im Rifugio Cauriol nicht. Mit dem einfachen Massenlager und dem Wendeltreppensteigen im Dunkeln komme ich auf meiner Via Pensionista eben doch nicht so zurecht, Zudem verheißt der Wetterbericht nichts Gutes: Spätestens um 15 Uhr soll es regnen, und wie immer auf der Translagorai, für den uns Bergführer Alessandro Beber tolle Tipps gegeben hat, haben wir eine lange Etappe vor uns. Wir müssen uns also sputen. Früh raus.

Der Wirt vom Rifugio Cauriol lehnt es zunächst ab, uns schon um 7 Uhr ein Frühstück zu servieren. Kann ich irgendwie auch verstehen. Sein Lokal ist so beliebt, daß auch Gäste vom Tal zum Abendessen hochfahren. Und die haben nun mal mehr Sitzfleisch als Wanderer, die am nächsten Morgen früh weg müssen.

Die zwei jungen Damen, die das Nachtlager mit uns geteilt haben, haben allerdings die glänzende Idee, bei der Nachbaralm, der Malga Sadole, anzufragen, ob da nicht was mit einem Frühstück drin wäre. Und in der Tat: Das klappt. Und der eigene Käse schmeckt  zum Milchkaffee auch ganz prima.  Kein Zweifel: Kulinarisch ist das ein ganz hervorragendes Plätzchen hier.

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Ein toller Platz (nicht nur fürs Frühstück): die Malga Sadole.

Wir müssen der Versuchung widerstehen, in aller Gemütlichkeit erst einmal sitzen zu bleiben (wobei Christine wie immer um diese Uhrzeit viel willensstärker ist als ich). Aber es hilft nichts: Wir müssen auf die Piste. Auch wenn sie (mal wieder) nicht meinen Lieblingsprofil entspricht: Es geht erst einmal hinein in eine enorme Steigung. Die jungen Leute, die nur kurz vor uns gingen (jetzt mit männlicher Verstärkung), rücken immer mehr aus unserem Blickfeld, bald sind sie entschwunden.

Dafür begegnen uns zwei Weidmänner. Offensichtlich eine Tirol-italienische Jagdgemeinschaft (es freut mich, daß das nach all dem sinnlosen Töten hier an der Alpenfront wieder möglich ist). „Wir gehen auf die Gams“, erzählen Sie uns und blicken wie wir prüfend zu den  schwarzen Wolken nach oben. Als wir sagen, wohin wir wollen, bekommt der eine einen Gesichtsausdruck, der nicht unbedingt Zuversicht in mir auslöst: „Zum Biwak? Das ist noch sehr weit!“

Und dennoch sammeln wir tapfer Höhenmeter um Höhenmeter. Die 620 bis zu unserer ersten Scharte, der Forcella di Canzenagol auf 2220 Meter schaffen wir bemerkenswert leicht, das Wetter sieht auch gar nicht slo mies aus, und so nehmen wir uns auch Zeit für ein Selfie in dieser herrlichen Natur.

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Beim Selfie war das Wetter noch schön.

Eine halbe Stunde später treffen wir jedoch eine Fehlentscheidung: Wir bldeiben nicht auf dem unteren Weg 439B, sondern nehmen den auf der Karte kürzeren. 439. Ohne B. Und der führt nicht nur am Lago Brutto vorbei, sondern ist auch brutto (der italienische Ausdruck für „schlimm“). Der See selbst ist sehr idyllisch, aber das kann ich kaum genießen, da direkt dahinter ein fast senkrechter Aufstieg wartet.

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Vom Lago Brutto geht es brutto (schlimm) hinauf.

Da geht es nicht etwa in den von mir so sehr geliebten Serpentinen bergauf – sondern fast durchweg in der Direttissima. Ich komme gewaltig ins Schnaufen, zumal ich ja immer die Wettervorhersage im Hinterkopf habe. Und die Uhr tickt.

Oben auf der Moregna-Scharte wird dann der Frust noch größer, weil uns bewußt wird, daß der Kampf auf fast 2400 Meter im Grunde für die Katz war: Denn danach müssen wir von der Forcella di Morgen wieder 160 Höhenmeter hinunter, um auf denselben B-Weg zu treffen, auf dem wir schon mal waren. Für alle, die planen, ebenfalls die Translagorai zu gehen, daher der Tipp: Wenn man nicht unbedingt Höhenmeter sammeln möchte – besser unten bleiben, der Weg ist weit genug.

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Hier wird dann aber das Wetter zunehmend mieser. Zu den Wolken gesellt sich ein kalter Wind, der Unheil ankündigt. Und nun wandre – besser: haste – ich voran. Nach den Erfahrungen der ersten Translagorai-Etappe habe ich keinen Bock, schon wieder triefend naß in einem Notquartier anzukommen.

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Nach der Moregna-Scharte wird das Wetter immer mieser.

Und tatsächlich: Während der letzten Steigung zum Bivacco Paolo e Nicola auf 2180 Metern an der Valmaggiore-Scharte winkt mir eine der jungen Damen fröhlich von der Hüttentür aus zu. Wir haben es geschafft! Rechtzeitig!

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Ein erstaunlich gemütliches Quartier: das Bivacco Paolo e Nicola.

Als wir durch die Tür gehen, sind wir baff erstaunt: Kein Vergleich zu unserem ersten Biwak kurz vor dem Manghen-Pass! Alles sauber. Die Ausstattung ist top. Es gibt sogar Essensvorräte (die wir nicht  in Anspruch nehmen, sondern unseren eigenen Käse-Vorrat, den wir auf der Sadole-Alm mitgenommen haben, gleich vervespern). Es gibt genügend Holz zum Heizen. Auch wenn Decken fehlen: Unsere Schlafsäcke tun  es auch. Und so erleben wir das am Abend hereinbrechende Gewitter in wohliger Wärme und Gelassenheit.

Gegangen am 19. August 2017

Geschrieben am 10. September 2017

Start: 7.45 Uhr

Ziel: 15 Uhr

Höhenunterschied: 1160 Meter auf, 400 Meter ab

Übernachtung: Bivacco Paolo e Nicola; Notunterkunft, aber gemütlich und gut ausgestattet; keine Decken; Frischwasserquelle etwa fünf Minuten entfernt.

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Informationen über das Wandern in den Lagorai unter www.visitvalsugana.it

Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de

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Via Pensionista (17): Rifugio Malga Conseria – Rifugio Cauriol

Kommando zurück! So heißt es am nächsten Morgen. Aber dass stört uns nicht sehr. Zwar müssen wir auf der Strecke, die mir der hochkompetente Bergführer Alessandro Beber für meine Via Pensionista durch die Lagorai empfohlen hat, vom Rifugio Malga Conseria bmehr als eine Stunde den Weg zurück über den Passo Cinque Croci zur Alpe Cion.

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Auf dem Passo Cinque Croci (Fünf-Kreuze-Pass)…
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… verabschiedet sich Christine von ihren Freunden.

Aber wir freuen uns schon auf diese herrliche Landschaft und sind gespannt, was wir denn heute so Neues entdecken.

Zunächst geht es einmal bergab. Die Hüttenwirtin von der Malga Conseria hat schon recht: der Weg ist sehr schwer zu finden, weil die Markierungen miserabel und zudem hier nur wenige Wanderer unterwegs sind. Aber gerade das ist ja das Schöne an einer Tour durch die Lagorai. Wir genießen die herrliche Landschaft und erfreuen uns auch an der Schönheit des Verfalls.

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Ja, so etwas kann es tatsächlich auch geben. Zum Beispiel in Form einer verfallenen Almhütte, aus der ein Strauch mit roten Beeren rankt und hinter der sich der Blick in die Weite der Wiesen öffnet.

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Kurz dahinter stoße ich auf ein schlichtes Holzkreuz. „Zur Erinnerung und Dankbarkeit“ steht auf Italienisch dort geschrieben, und irgendwie zieht mich das magisch an. Ich setze mich auf ein Holzbänkle daneben, genieße die Sonne und das Geräusch der mich umschwirrenden Bienen.

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Und plötzlich bin ich ganz bei mir und in mir. Kann die Stelle regelrecht körperlich spüren, fühle mich ganz daheim in dieser Landschaft und in mir selbst auch. Das sind die Momente, die einem nur eine Wanderung durch die Berge schenken kann. Das ist zumindest meine Meinung.

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Wo wir heute rasten, tobte vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg.

Und in der Tat sind wir ja auf dem Friedensweg unterwegs. Daß es da nicht nur um meinen inneren Frieden geht, spüre ich schon etwa eine halbe Stunde später auf dem knapp 2000 Meter hohen Passt Cupola: Das erste im Vorjahr aufgestellte Kreuz wird vom Stacheldraht umwunden, der vor hundert Jahren vom Ersten Weltkrieg sich diese herrliche und damals wie heute zutiefst einsame Gegend durchzog und durchtrennte.

Es ist Mittag, und wir packen die Jause aus. Nach ein paar Minuten kommen tatsächlich doch noch zwei Leute über die Passhöhe: Vater und Sohn auf der Pilzsuche. Pfifferlinge haben sie ausreichend gefunden, aber mit Steinpilzen hapert es heuer, sagen sie. Zu trocken, das Jahr 2017. Im Prinzip sei dies aber hier eine tolle Pilz-Gegend. Die beiden haben übrigens einer Fabrik, die Mehltüten für Getreidemühlen herstellt. Sie liefern auch in schwäbische Lande. So klein ist die Welt.

So nett die Unterhaltung war: Wir müssen jetzt weiter. Denn die Etappen auf dem Translagorai (wie die Weitwanderung durch dieses Gebirge genannt wird) sind nicht gerade kurz. Die Übernachtungsmöglichlkeiten liegen weit auseinander.

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Der Weg zum Passo Sadole kostet viel Kraft.

Und wir müssen auch noch hoch zum Passo Sadole. Der ist im Prinzip mit 2066 Höhenmetern gar nicht so wild, aber die lange Strecke fordert eben doch ihren Tribut: Christine kämpft mit Unterzucker, jetzt gegen Abend pfeift noch ein kalter Wind übers Joch, und so suchen und finden wir Unterschlupf in der Ruine einer (vermutlich österreichischen) Militärstellung aus dem Ersten Weltkrieg. Selbst Arco ist erschöpft und bettet sein Haupt auf einen Stein in der einstigen Soldatenstube.

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Auch ein Vierbeiner muß sich mal erholen.

Ja, der Krieg begleitet einen hier auf Schritt und Tritt. Ein Wegweiser macht darauf aufmerksam,. wo einst der Österreicher-Pfad zur Front verlief. Wir profitieren nun von der Wegebaukunst der Tiefgbauingenieure von damals. Ich preise die Segnungen der Erfindung der Serpentinen, über die wir zwar langsam, aber doch bequem über 450 Höhenmeter Gefälle drunten auf der Pian delle Maddalene und bei der Cauriol-Hütte ankommen.

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Unser Ziel für heute: die Cauriol-Hütte.

Irgendwie passt das Quartier zu dieser militärisch geprägten Etappe: An der Decke und an den Wänden des Speiseraums hängen Fundstücke aus dem Ersten Weltkrieg, vom Essgeschirr bis zur Handgranate (für manche sicher befremdlich, für uns aber passend und informativ, weil das eben zur Geschichte der Region gehört).

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Makabre, aber eindrucksvolle Dekoration: Fundstücke aus dem Ersten Weltkrieg.

Es gibt nur einen einzigen Schlafraum (den wir uns gottseidank nur mit zwei jungen Frauen aus dem Trentino teilen müssen, die einen  Gewaltmarsch vom Manghen-Pass – !!! – hinter sich haben), und der hat kein Fenster. Hinein- und hinaussteigen muß man über eine etwa 30 Zentimeter hohe Schwelle, die nicht gerade zum Komfort beiträgt, wenn man nachts aufs Klo muß (ebensowenig wie die schmale Wendeltreppe aus Metall).

Aber was soll’s?!: Das Essen ist gut, und wir sind beide erledigt genug, um allen Widrigkeiten zum Trotz auch gut zu schlafen.

Gegangen am 18. August 2017

Geschrieben am 6. September 2017

Start: 9 Uhr

Ankunft: 18.30 Uhr

Höhenunterschied: 400 Meter auf, 800 Meter ab

Übernachtung: Rifugio Cauriol; traditionsreiche Hütte, gute regionale Küche (Minestrone war laut Christine allerdings suboptimal); aber sehr einfache Schlafräume; sehr informative Ausstellungsstücke zu den Kämpfen am Monte Cauriol während des Ersten Weltkriegs; baitamontecauriol.it; Alternative: die gegenüber liegende Alm Malga Sadole (Übernachtung gratis, aber nur im Militärzelt; Frühstück aber prima).

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Informationen über das Wandern in den Lagorai unter www.visitvalsugana.it

Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de

Via Pensionista (16): Bivacco al Mangheneto – Rifugio Malga Conseria

Einen Vorteil hat eine miese Nacht: Man kommt auch früh wieder los. Und so haken wir die Unbequemlichkeiten einfach ab. Los geht’s!

Gefrühstückt haben wir nichts. Aber das ist auch nicht weiter schlimm. Schon nach 50 Minuten erreichen wir das erste Zwischenziel: die Manghen-Hütte, von der ich in meiner Unbedarftheit beim schnellen Blick auf die Karte ursprünglich gedacht hatte, wir könnten dort übernachten. Gottseidank hat mich Lorenzo, der Wirt vom Rifugio Sette Selle, am Morgen davor aufgeklärt, daß dem keineswegs so ist.

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Auf der Manghen-Hütte gönnen wir uns ein gutes Frühstück.

Aber wenigstens  hat die Manghen-Hütte früh genug geöffnet, um dort ein Frühstück genießen zu können. Zum überraschend guten Café Latte (respektive Latte Macchiato) lasse ich mir einem Apfelstrudel schmecken (mir fällt auf, das ich davon auf meiner Via Pensionista sehr viel esse, nachdem ich diesem Gebäck ansonsten eher abhold bin), Christine schüttet ihre Haferflocken in die warme Milch.

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Beeindruckendes Naturdenkmal: „der Ewige“ steht unerschütterlich.

Auf jeden Fall sind wir gut gestärkt für den Weiterweg auf der herrlichen Route, die mir der hoch kompetente Bergführer Alessandro Beber vorschlagen hat. Schon nach einer guten Viertelstunde, noch vor dem Lago delle Buse, fasziniert mich ein Naturdenkmal: ein alter Baum, der seine Nadel komplett verloren hat. Aber seine Wurzeln, die er im Laufe der Jahrhunderte um einen mächtigen Felsblock gewunden hat, halten ihn dennoch fest. Stramm steht er da, unerschütterlich, sturmgeprüft, obwohl er aus menschlicher Sicht so etwas wie ein  Glatzkopf ist, wirft ihn so schnell nichts um. Ein schönes Bild, das mir die Natur da vor Augen gestellt hat. „L’Eterno“ („Der Ewige“) haben ihn die Einheimischen getauft. Und den Namen verdient er auch.

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Romantische Spiegelungen in den klaren Teichen des Lagorai – hier im Lago delle Buse.

Es ist wieder mal ein herrlicher Tag, wir können uns nicht satt sehen an diesem für uns so unbekannten Gebirge, das sich im Lago delle Buse (und vielen anderen mal größeren, mal kleineren) Teichen widerspiegelt, ein verrottender Baumstamm in den Moorwiesen kommt einem vor, als habe sich ein Krokodil dorthin verirrt.

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Ein Krokodil in den Moorwiesen? Nein, nur vermodernder Baumstamm.

Die Zeit verrinnt wie im Fluge. Besser gesagt: Wir merken gar nicht, wie sie auf der Translagorai, wie dieser Wanderweg heißt, vergeht. Ob sie still steht, verschwindet oder gar nicht existiert – wer kann dies in einer solchen Natur, in einer solchen Stimmung denn schon sagen? Und es spielt letztlich ja auch gar keine Rolle.

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Auf der Forcella di Valsorda pfeift der Wind kalt.

Erst lang nach Mittag meldet sich an der Forcella di Valsorda meldet sich auf 2256 Meter der Hunger. Und der kühle Wind, der uns bei der Jause umweht, macht uns so richtig bewusst, daß es schon relativ spät ist und noch ein gehöriges Stück Weges vor uns liegt.

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Vor dem letzten Wegstück auf dem Passo Val Cion  nochmal die Seele baumeln lassen.

Aber das ist gottseidank nicht allzu schwierig. Erst müssen wir zu den unteren Buse-Seen (hier heißt irgendwie alles Buse), dann wieder leicht hinauf zum Passo Val Cion (2076 Meter). Aber alles hält sich in Grenzen, nicht weiter schlimm. Und wir bewundern, wie drunten an den Hängen des Ornelle-Tales zwei Boarder-Collies ihre Kühe mit spielerischer Leichtigkeit hinüber zur Valsorda-Alm treiben (und der Hirt tut es ihnen federnden Schrittes gleich). Ich nehme mir trotz relativ später Stunde die Zeit zum Genießen. Lege mich hin, stelle die Beine auf und lasse die Seele baumeln.

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Vom Fünf-Kreuze-Pass ist es nicht mehr weit bis zum Ziel.

Der Forstweg hinüber zum Passo Cinque Croci (Fünf-Kreuze-Pass) bereitet nicht die geringsten Schwierigkeiten. Und hier erleben wir das zweite Schäfer-Schauspiel: Diesmal werden Schafe in Windeseile so um die 200 Höhenmeter fast vom Gipfel des Col di San Giovanni hinunter zu den Fünf Kreuzen (auf 2018 Metern) getrieben. Kaum zu glauben, wie schnell das gehen kann.

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An der Malga Conseria starben im Ersten Weltkrieg viele junge Leute: Auf dem Soldatenfriedhof wehen nun die italienische und die österreichische Fahne.

In der herrlichen Abendstimmung steigen wir hinab zur Rifugio Malga Conseria auf 1848 Metern. Unsere Euphorie wird kurz vor unserem Nachtquartier etwas gebremst: Ein Soldatenfriedhof erinnert daran, daß vor hundert Jahren hier auch Menschen zuhauf starben. Die Italiener wollten den Fünf-Kreuze-Pass stürmen, die Österreicher verhinderten dies (ebenfalls unter schweren Verlusten). Es gab keinen „Sieger“. Wie gut, daß jetzt über den Holzgräbern auf dem kleinen Soldatenfriedhof bei Flaggen gemeinsam wehen…

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Das Rifugio Malga Conseria überrascht uns sehr angenehm: Erst vor kurzem wurde die einstige Almhütte umgebaut. Die Wirtsleute sind sehr freundlich, Frau Wirtin kocht hervorragend (zum Beispiel eine ganz frische Zucchinicremesuppe), Anna, die sich als Bedienung ein paar Kreuzerle für ihre große Reise hinzuverdient, die sie nach dem Abi machen möchte, übt mit uns Deutsch-Sprechen (und kann das besser, als sie selbst meint), wir schlafen prima – und selbst die Hunde verstehen sich prima (die Selbst-Bezeichnung „dogfriendly“ trifft hier tatsächlich zu) und teilen sich eine Wasserschüssel.

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Gemeinsam schmeckt es einfach.

Gemütlich und zufrieden mit der eigenen Leistung klingt der Tag aus. Wanderer-Herz – was begehrst Du mehr?

Gegangen am 17. August 2017

Geschrieben am 4. September 2017

Start: 7.30 Uhr

Ankunft: 17.30 Uhr

Höhenmeter: 440 Meter auf, 660 Meter ab

Übernachtung: Rifugio Malga Conseria; vor kurzem renoviert; sehr schöne Zimmer; freundliche Wirtsleute; gute regionale Küche; www.rifugioconseria.it; Informationen über das Wandern in den Lagorai unter www.visitvalsugana.it

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Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de

Via Pensionista (14): In die Lagorai

Maria Himmelfahrt! Ferragosto! Für uns ist die Entscheidung klar: Nach der Brenta (trotz des Quartier-Stresses einfach fantastisch!) wollen wir nun auf meiner Via Pensionista die Lagorai-Kette durchqueren.

Und haben wieder ein Radio Eriwan-Erlebnis: Im Prinzip ist es ganz einfach – nach Trient sind es nur 28 Kilometer, in die Hauptstadt der Region Trentino/Alto Adige muß ja ständig ein Bus fahren, und an dessen Endstation haben wir ja sicher Anschluss nach Palu Del Fersine. Alessandro Beber, ein hoch kompetenter Bergführer, den mir Cristina Eberle vom Tourismusverband Val Sugana in Levico empfohlen hat, hat vorgeschlagen, daß wir von dort aus zum Rifugio Sette Selle („sieben Sättel“) aufsteigen. Das geht noch am Abend.

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Werner bleibt lieber noch ein paar Tage in Ponte Arche

Überraschung Nummer 1: Der erste Bus gen Trento geht erst um 12.56 Uhr. Das stört uns zunächst nicht sehr. Wir haben ja genug Zeit, die Wanderung soll nur eineinhalb Stunden dauern. Also setzen wir uns noch mit Werner, der sich entschieden hat, lieber noch die Annehmlichkeiten des Cattoni-Hotels zu genießen, statt sich noch weiter dem Stress der Quartiersuche auszusetzen, ins Buca di Neve, trinken noch zum Abschied einen köstlichen alkoholfreien Ingwer-Zitrone- beziehungsweise Lavendel-Zitrone-Cocktail (bei mir müssen es natürlich zusätzlich die traditionellen vier Kugeln Eis sein) und steigen dann in den Bus.

Überraschung Nummer 2 wartet dann am Busbahnhof von Trient: Es ist Maria Himmelfahrt, Ferragosto, Feiertag – und da fährt überhaupt kein Bus nach Palu! Das Äußerste, was noch drin ist, ist Pergine.

Ich will mich nicht damit abfinden, auf halber Strecke liegen zu bleiben. Starte von Trient aus (da gibt es wenigstens ein Netz) eine weitere Telefonaktion und treibe tatsächlich ein Taxi auf. Die 40 Euro dafür sind gut angelegt: wir kommen noch so zeitig nach Palu, daß wir den Aufstieg genießen und darüberhinaus noch kulturgeschichtliche Studien betreiben können.

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Palu heißt auf Deutsch  Palai im Fersental. Vor etwas mehr als 500 Jahren hat ein Graf von Tirol deutsche Bergleute dorthin geholt. Vermutlich Bayern. Deren Nachfahren haben sich deren Dialekt über ein halbes Jahrtausend hinweg bewahrt.

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Da gibt es dann ein Kohlplatzl, eine Stroß und einen Berg, der Schirmbler heißt. Und auch eines der mittelalterlichen Bergwerke kann man bei einem 200-Meter-Abstecher vom Weg zum Rifugio noch besichtigen (sofern geöffnet ist).

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Die Forststraße geht auf halber Höhe in einen Wanderweg über. Wir scheinen uns von den Strapazen des Abstiegs von der Agostini-Hütte gut erholt zu haben. Sind auf jeden Fall nicht so erschöpft wie das junge italienische Pärchen, das nach zwölf Jahren Pause wieder ins Wandern einsteigen will und dem ich eine Dreiviertelstunde vor dem Ziel mit einigen meiner getrockneten Datteön über den Unterzucker-KO hinweg helfe. Dennoch wollen sie nicht mehr hoch. Sondern schnellstmöglich zurück nach Palu. Etwas essen.

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Herrlich gelegen: das Rifugio Seite Selle am Rande der Lagorai-Kette.

Nach dem Nahverkehrs-Desaster hätte ich mir nicht vorstellen können, doch so früh oben an unserem Quartier (immerhin 2000Meter hoch) anzukommen. Beim Abendessen merken wir, daß wir zurück im Polenta-Reich sind (es gibt auch für mich kein Entrinnen).

Wir müssen ins Massenlager. Aber das ist nur zur Hälfte belegt, und Christine ergattert sich zwei tolle Plätze am Fenster. Wir schlafen wunderbar, und Christine schwärmt noch tagelang davon.

Gegangen am 15. August 2017

Geschrieben am 19. August 2017

Höhenunterschied: 400 Meter bergauf

Start: 15 Uhr

Ziel: 17 Uhr

Übernachtung: Rifugio Sette Selle; sehr gemütlich; Essen sehr auf Polenta fixiert; nette Wirtsleute; überdurchschnittlich bequemes Massenlager unterm Dach ; http://www.setteselle.altervista.org; Informationen über das Wandern in den Lagorai und zum Val Sugaba allgemein findet man  unter http://www.visitvalsugana.it.

Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de

Via Pensionista (13): Rifugio Agostini – San Lorenzo in Banale und weiter per Bus nach Ponte Arche

Wie soll es nun weitergehen? Für Werner ist es klar: Sein Kompass-Wanderbuch schickt ihn hinab ins Tal nach San Lorenzo. Mein ursprünglicher Plan sah vor, vom Rifugio Tosa zum Molveno-See abzusteigen und vom in der Nähe gelegenen Andalo mit der Seilbahn die Paganella zu stürmen. Aber nachdem mir der freundliche Agostini-Hüttenwirt erklärt, das auch da jetzt ein Massenandrang herrscht, entscheiden wir uns dafür, zunächst nochmal das traumhafte-Brenta-Panorama zu genießen und dann Werner ins Tal zu begleiten und dort nach einem guten Albergo zu suchen, in dem wir mal wieder ordentlich duschen und alle Viere von uns strecken können.

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Der Abschied vom herrlichen Brenta-Panorama vor dem Rifugio Agostini  fällt nicht leicht.

Die Beschreibung in Werners Wanderbuch ist indes ziemlich chaotisch, und beim Rifugio Cacciatore merken wir, daß wir uns verfranst haben. Um auf die „richtige“ Strecke zu kommen, müßten wir wieder 180 Meter aufsteigen. Das wollen wir uns nach dem Haatsch von gestern nicht auch noch antun. Es führen ja alle Wege nach Rom, aber immerhin mehrere nach San Lorenzo.

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Eigentlich wollten wir da gar nicht hin: Christine und Werner auf dem Abstieg über herrliche Almwiesen nach San Lorenzo.

Nach kurzer Frist zweigt vom eher nervigen Forstweg dann ein wunderschöner nach rechts ab, über Almen und durch Wald geht es bergab, und da wir miterleben können, wie sich der Bergbach durch eine enge Spalte und einen schönen Wasserfall talwärts kämpft, stört es uns auch nicht groß, daß wir uns dann doch wieder dem Forstweg anvertrauen müssen.

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Der Forstweg durchs Ambiez-Tal ist eine Herausforderung der besonderen Art: Er scheint kein Ende zu nehmen.

Indes: Die Zeit verrinnt, und von Minute zu Minute brennen die Sohlen heftiger. Schon vor dem Wasserfall hat uns ein entgegenkommender Italiener erzählt, das er sein Auto am Rifugio Dolomiti abgestellt hat. Wir können es kaum erwarten, dieses Zwischenziel zu erreichen, sind aber einer harten Geduldsprobe ausgesetzt: Die Agostini-Hütte war auf mehr als 2400 Meter, die Dolomiti liegt bei gerade mal 900 und ist mehr ein Restaurant als ein Rifugio. Und deswegen trifft der Ausdruck „Ristoro“, auf den wir dann vor Ort treffen, die Sache ja auch besser.

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Endlich ist es geschafft: San Lorenzo ist in greifbarer Nähe!

Wir stärken uns mit kühlen Getränken, unsere Laune wird wieder besser, vor allem, als wir die ersten Häuser von San Lorenzo erblicken.

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Mit Alarmanlage geschützt: der gotische Altar von San Antonio am Dorfrand von San Lorenzo in Banale.

Gleich am Anfang steht das uralte Antonius-Kirchlein mit einem herrlichem gotischen Altar. Dort verbringen wir einige Minuten der Einkehr und sehen die reich mit wohlriechenden Blumen geschmückte Madonna. Wie romantisch! Ach, ja: Morgen ist  Maria Himmelfahrt, eines der höchsten italienischen Feste.

Und genau das erweist sich für uns als fatal!

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Romantisch: die alten Gassen von San Lorenzo in Banale.

Fünf Hotels gibt es in San Lorenzo, das zur Gruppe der schönsten italienischen Dörfer zählt – in allen handeln wir uns eine Abfuhr ein!

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Auch in San Lorenzo in Banale kann man der Schönheit des Verfalls begegnen.

Waren es in der Brenta (übrigens auf dem bisher einzigen Abschnitt meiner Via Pensionista) die Deutschen und Deutschsprachigen, die die Hütten in Beschlag genommen hatten (weswegen man es im Grunde tunlichst vermeiden sollte, in dieser Jahreszeit dort zu wandern zu versuchen, was wir jetzt gelernt haben), sind es drunten Im Tal die Italiener, die dafür sorgen, daß für spontan auftauchende Fuß-Touristen kein Bett übrig bleibt.

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Warten auf den Bus: Arno spitzt die Ohren.

Wir drei sind einmal wieder am Rande der Verzweiflung. Ich will aber nicht aufgeben. Im Bro-Hotel, wo wir eine Aranciata Amara nach der anderen kippen, telefoniere ich mir die Finger wund, komme dann auf die Idee, es in Comano Terme noch weiter unten im Tal zu versuchen, und tatsächlich schafft es Laura vom örtlichen Tourismus-Büro noch, für uns zwei Zimmer aufzutreiben: Das Cattoni-Hotel in Ponte Arche, das wir nach einer gut halbstündigen abendlichen Busfahrt erreichen (wegen der wir auf die so angepriesene Spezialität des Dorfes verzichten müssen: die “Ciuìga del Banale”, eine „Wurst aus bestem Schweinefleisch und weißer Rübe aus dem Trentino“), ist ein Glücksfall für uns. Werner hat ein Zimmer im Haupt-Haus, wir müssen zwar wegen Arco in die etwas in die Jahre gekommene Dependance ausweichen. Aber das Zimmer ist groß genug und hat eine heiße Dusche.

Zum Freiluft-Abendessen geht es noch ins Ristorante Don Pedro (sehr gut), danach gönnen wir uns noch in der Gelateria Bucaneve („Schneeloch“) einen beziehungsweise vier Bollen Eis. Danach fallen wir todmüde ins Bett und schlafen herrlich.

Gegangen am 14. August 2017

Geschrieben am 19. August 2017

Start: 8.30 Uhr

Ende der Wanderung: 14 Uhr

Höhenunterschied: 1700 Meter Abstieg!

Übernachtung: Hotel Cattoni Holiday in Ponte Arche; zwar etwas älter, aber sehr gut; Speisesaal war bei unserem Aufenthalt abends komplett ausgebucht (deswegen Ausweichen ins Ristorante Don Pedro); im Haupthaus keine Hunde erlaubt; aber Ausweichquartier in der Dependance für unsere Zwecke sehr in Ordnung.

Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de

Via Pensionista (12): Tuckett-Hütte – Rifugio Agostini

Der nächste Tag schenkt uns wieder strahlenden Sonnenschein. Frohen Mutes starten wir am Rifugio Tuckett und müssen erst mal abwärts. „Heute ist Sonntag“, denke ich mir: „Da wird ja der große Ansturm auf die Hütten vorbei sein.“

Erneut ein typischer Fall von Denkste. Als ich so gegen 10 Uhr (frühzeitig, wie ich meine) vom einem Abzweig mit dem Lustig klingenden Namen Sella Del Fridolin (Fridolin-Sattel) beim Rifugio Cima Tosa, unserem heutigen Ziel, anrufe, hole ich mir von einer Dame mit barsch klingender Stimme die nächste Abfuhr: „Wir sind voll!“

Ich kann nicht verhehlen, das sich in mir leichter Frust regt. Hier auf 2134 Meter sind die Telefonverbindungen miserabel, und so langsam kann ich die drei Tschechen verstehen, die mir vor zehn Minuten von ihrer Nacht unter freiem Himmel vorgejammert haben. Da dachten wir noch, das sei aus freien Stücken geschehen, Bergromantik pur quasi. Aber dazu passte schon der Gesichtsausdruck nicht.

Nun wird mir klar warum. Ich brüte über der Karte, denn die wunderschöne Brenta hat für Otto Normalwanderer ein großes Problem: Die herrlichen Felswände, Türme  und Zinnen liegen wie ein Querriegel vor einem. Viele Wege sind nur über Leitern passierbar. Und das heißt für Zeitgenossen mit Hund: gar nicht.

Nun ist also Tüftelei gefragt. Das Rifugio 12 Apostoli liegt zwar wieder näher an Pinzolo, wo ich eigentlich nicht mehr hin wollte, aber dorthin scheint sich eine Chance aufzutun. Ich rufe an, der Hüttenwirt und ich schreien uns irgendwelche Wortfetzen ins Ohr. Er redet von „Ramponi“, was ich nicht verstehe, sich aber später als „Steigeisen“ entpuppt.

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Hier naht die Rettung per gutem Rat: die Brentei-Hütte.

Und zwar auf dem Rifugio Brentei (2178 Meter),  vor dem wir noch in aller Ruhe unsere Mittagsjause verzehrt haben und wohin wir ja eigentlich schon gestern Abend wollten. Dort klärt mich ein junger Mann auf, daß mein Plan auf keinen Fall hinhauen kann. Es geht unter anderem über Eis. Für uns ohne die berühmten Steigeisen gefährlich, für Arco, unseren Hund, mit dem Christine noch fröhlich herumspielt, unmöglich.

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Die Herbergssuche tut der guten Laune keinen Abbruch.

Als mir von einem Abstieg ganz zurück und hinunter nach Madonna di Campiglio schwant, unterbreitet er mir die nächste Alternative: Doch übers Brenta-Joch hinüber zur Tosa. Aber dort nicht pennen, sondern weiter zum Rifugio Silvio Agostini. Ein ganz schöner Haatsch, aber nun mal nicht zu ändern. Und so alt ist der Tag ja nun auch wieder nicht.

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So gemütlich geht es in der Brenta nur selten zu.

Also, auf geht’s! Der Weg hinauf zum Brenta-Joch steigt eher gemütlich an, ich hab genug Zeit zum Staunen und Fotografieren. Motive für beides gibt es in Hülle und Fülle.

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Auch wenn’s mal eng wird…

 

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… mit der Mutter Gottes, dem ewigen Licht, dem heiligen Wasser von Lourdes und dem Papst persönlich als schützende Mächte kann ja nix passieren .

Aber so gemütlich geht es eben nicht bis zum Ende. Plötzlich tut sich eine senkrechte  Steinmauer auf. Ich schaue nach oben und gucke zwei Familien zu, die sich durch die Felswand nach unten kämpfen. Und trete gleichzeitig auf einen Blockstein, der sich bewegt und wackelt und mir das Gleichgewicht raubt. Meine erste Schürfwunde plus blauem Fleck auf meiner Via Pensionista.

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Auf den letzten Höhenmetern zum Brenta-Joch ist’s mit der Gemütlichkeit vorbei.

Tut aber nicht weh. Zumindest spüre ich es nicht, als wir uns den Seilen entlang nach oben hangeln. Da will jeder Schritt überlegt sein, und bei Arco muß man auch ab und zu nachhelfen. Aber wir schaffen es dann doch hinauf zum Joch und schießen noch ein paar Gipfelglück-Fotos.

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Wir haben es geschafft: Auf dem Brenta-Joch ist Zeit für eine kurze Pause…
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… und eine Stärkung tut gut.

Von einer Familie aus der Nähe von Pistoia in der Toskana werde ich gebeten, dasselbe für sie zu tun. Sie sind uns vom Rifugio Agostini entgegengewandert und versorgen uns mit Infos über den Weg: erst runter, dann wieder rauf – und danach in etwas abgemilderter Form nochmal.

Am Rifugio Tosa, demgegenüber ich nun eine Form von Grundaversion wegen der unfreundlichen Behandlung heute morgen habe, steht, es sei gute zwei Stunden dorthin zur Agostini-Hütte. Da aber seit Stunden wieder kein Telefonnetz verfügbar ist, beginnt nun ein Marsch ins Ungewisse. Denn ob dort ein Platz für uns frei ist, ist alles andere als sicher. Immerhin sagen mir die Toskaner, die wieder zurück laufen, daß eine Stunde Abstieg weiter mit dem Rifugio Cacciatore noch eine allerletzte Chance existiert.

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Eine letzte Rast gegen dem Unterzucker – am Noghera-Joch.

Beim Weg hinauf zum 2413 Meter hohen Noghera-Joch spüre ich, daß mir die Haatscherei je spätnachmittäglicher es wird, immer mehr zuwider wird. Ich frage mich, wann endlich dieser verdammte Pass kommt. Habe aber gottlob doch Augen für die Edelweiß am Wegesrande.

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„Stern der Alpen“ sagen die Italiener zum Edelweiß. In der Brenta findet man es noch.

Endlich stehen wir oben und sehen in der Ferne einem roten Punkt: die Agostini-Hütte! Vor uns tut sich aber erst einmal ein Abgrund auf, ungesichert, mit viel Rutsch-Potential. Da müht sich ein wackrer Schwabe (der allerdings im bayerischen Allgäu geboren wurde) ab. Christine lotst Werner, der – wie wir erfahren – in Waiblingen die Schokoladen-Manufaktur Sinnlichkeit in Schokolade betreibt, jetzt aber seit drei Wochen von Garmisch Richtung Gardasee unterwegs ist, hinunter auf sicheres Terrain.

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Wegen Erschöpfung gab’s nur einen magere Foto-Ausbeute von der Agostini-Hütte.

Wir gehen das letzte Stück gemeinsam, sitzen gemeinsam beim Abendessen und werden zusammen ins Winterlager geschickt, wo wir die letzten drei Rest-Betten ganz hinten im Eck zugewiesen bekommen. Zwar muß ich eine akrobatische Leistung vollbringen, um vom Fußende durch das Gestänge auf meine Matratze zu kommen (wegen der Enge gibt es keinem Seiteneinstieg). Aber immerhin ein Platz zum Schlafen.

Gegangen am 13. August 2017

Geschrieben am 19. August 2017

Start: 8 Uhr

Ziel: 18.30 Uhr

Höhenunterschied: 800 Meter auf, 450 Meter ab

Übernachtung: Rifugio Silvio Agostini; gutes Essen; Enges Winterlager; http://www.rifugioagostini.com/Homepage_ted

Informationen zur Region gibt es unter gibt es unter https://www.visittrentino.info/de

Via Pensionista (10): Mandrone-Hütte – Val Genova und dann (per Bus) Pinzolo

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Jetzt ist  weit entfernt, aber noch heute kann man an den abgeschliffenen Felsen sehen, wie groß der Mandrone-Gletscher einst war.
Das Faszinierende an der Mandrone-Hütte ist nicht zuletzt der Blick, den man von dort auf den gleichnamigen Gletscher hat. Er gehört zum Adamello-Massiv, und schon beim Abendessen kann ich den Blick kaum von dem Gletscherbach wenden, der dort unablässig sprudelt und mit einer Urgewalt ins Tal schießt, daß man auf keinen Fall unter einem dieser Wasserfälle, die er unterwegs immer wieder mal bildet, stehen und stecken möchte. Dann wäre es wohl vorbei mit einem.

Auf der anderen Seite kann man sich kaum vorstellen, wieviel Wasser in diesem Gletscher schlummert, obwohl er auf dem Rückzug ist und seine Oberfläche in den vergangenen hundert Jahren von 3000 auf 1700 Hektar verkleinert hat.

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Es war ein Naturschauspiel, das die Menschen im 19. Jahrhundert faszinierte. der Mandrone-Gletscher (rechts) und sein Nachbar schienen nach ihrem getrennten Weg um den Gipfel zu verschmelzen. Heute kann man dies nur noch anhand der beiden Gletscherbäche nachvollziehen.
Vor 150 Jahren hat er sich schier mit seinem Nachbarn – dem Lobbia-Gletscher – vereinigt, die beiden Zungen haben einen Gipfel am Rande des Adamello umschlungen – das Bild war so spektakulär, daß es zum Motiv einer der weltweit ersten Landschaftsfotographien wurde.

Der österreichische Forscher Julius Payer (ein Böhme, der 1874 mit einer Expedition die später Franz-Josefs-Land genannte Region am Nordpol als erster bereiste) – https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_von_Payer hat sich schon Mitte des 19. Jahunderts diesen beiden Gletschern zugewandt (das Trentino gehörte damals zu Österreich-Ungarn) und seine Beobachtungen so genau dokumentiert, daß die Forscher von heute noch viel damit anfangen können.

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Ein kleines Museum erinnert an einen großen Mann: In der Payer-Hütte gibt es viele Informationen – leider nur auf Italienisch.
Beispiele davon findet man in einem nach Julius Payer benannten kleinen Museum am Rand des Weges hinab ins Tal, aus dem wir auch die Informationen von oben haben. Schade nur, daß alles in italienischer Sprache gehalten ist und auch ich meine Schwierigkeiten habe, mich darin zu vertiefen.

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Es werden aber auch nicht die dunklen Seiten ausgeklammert. Und die liegen im so genannten „Großen Krieg“ (wie die Italiener zum Ersten Weltkrieg sagen). Hier am Adamello wurde die erste Schlacht der Weltgeschichte auf einem Gletscher geschlagen (ein unrühmlicher Superlativ), man grub einen fünf Kilometer langen Tunnel ins Eis, der die beiden Gletscher verband, die Österreicher zerlegten schwere Skoda-Kanonen in ihre Einzelteile und schraubten sie oben wieder zusammen, hier an der Alpenfront starben 60 000 Menschen, nicht nur durch Geschosse, sondern auch durch Krankheiten und Lawinen.

Die Kollegen von der „Welt“ haben dazu eine beeindruckende Bildergalerie fürs Netz gemacht. Von Orten, denen wir auf der Via Pensionist immer wieder begegnen: https://www.welt.de/geschichte/gallery125192303/Die-Kaempfe-an-der-Alpenfront.html

Wie schön, daß nun derer, die sinnlos starben,  gemeinsam gedacht wird…

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Da war’s noch gemütlich: die Bedole-Hütte am Ende (oder besser: Anfang) des Val Genova.-
Viele geht einem auf dem langen Weg hinunter ins Tal durch den Kopf. An der Bedole-Hütte, wo das Val Genova beginnt, gönnen wir uns noch einen Kaffee, bevor wir dann den gemütlicheren Teil in Angriff nehmen. In der Nähe der Sarca (wie der Gletscherbach nun heißt), machen wir in aller Gemütlichkeit Rast, Christine macht ein Nickerchen, alles scheint wieder prima zu sein.

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So ein Nickerchen tut einfach gut.
Etwas später entschließen wir uns, das Teersträßchen zu verlassen, auf dem immer wieder Busse fahren (ansonsten ist das Tal weitgehend verkehrsberuhigt) und auf den Sentiero Delle Cascate (Weg der Wasserfälle) zu wechseln. Der ist wahrlich spektakulär und wir bestaunen wieder die Wucht des Wassers, das sich da Bahn bricht.

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Das letzte Foto, das noch möglich war: Nach diesem Wasserfall stürzte das Wasser nicht nur von den Bergen, sondern auch vom Himmel.
Aber dennoch erweist sich die Entscheidung als fatal. Denn wir sind auf die rechte Seite der Sarca gewechselt, und es gibt kilometerlang keine Brücke. Was eigentlich nicht schlimm wäre – wenn nicht aus ein paar Regentröpfchen quasi im Handumdrehen ein handfestes Gewitter würde! Und zwar ein solches, bei dem an Fotografieren der herrlichen Natur nicht mehr zu denken ist und sich auch die so genannte „Regenkleidung“ binnen spätestens einer halben Stunde als Witz erweist.

Aller Frust hilft da nichts. Wir müssen durch. Und endlich kommen wir zu einer Brücke, überqueren sie, harren dort noch eine Viertelstunde triefnaß im Regen aus, können dort bei Ragada endlich einen Bus anhalten und  die Schönheiten des Val Genova (das für mich zu den schönsten Tälern gehört, die ich kenne) leider nur vom Pullmann aus genießen.

Über Carisolo schlagen wir uns nach Pinzolo durch und nehmen dort im Hotel Dolomiti Quartier. Einem alten Kasten mit anscheinend nur unwesentlich jüngeren Gästen. Aber erstens: Was will ich als Jung-Renter dagegen sagen? Und zweitens: Unser (großes) Zimmer hat eine (große) Badewanne. Und in der können wir uns erstmal herrlich aufwärmen. Und die Krönung des Tages ist dann ein ausgezeichnetes Abendessen.

Gegangen am 10. August 2017

Geschrieben am 16. August 2017

Start an der Mandrone-Hütte: 8.30 Uhr

Einstieg in den Bus: etwa 16 Uhr

Höhenunterschied: 1200 Höhenmeter bergab

Übernachtung: Hotel Dolomiti in  Pinzolo; mit dem Charme einer untergegangen Zeit; sehr freundliche und hilfsbereite Gastgeber; sehr gute Küche; http://www.hotelpinzolo.it/inverno/index.php?pag=hotel&lang=ger

Dazu ist folgendes sehr interessant (nämlich ein Urteil aus dem Jahre 1875): http://www.hotelpinzolo.it/inverno/index.php?pag=origini&lang=ger

Informationen zur Region gibt es unter https://www.visittrentino.info/de